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Interview

Die aktuelle Ausgabe 36 des Nürnberger Fanzines YA BASTA! beschäftigt sich in einem Sonderbereich mit dem Thema Zaunfahnen. Ein umfangreicher Themenkomplex, der von den Machern wirklich hervorragend ausgearbeitet und umgesetzt wurde. Beleuchtet wird natürlich auch die Zaunfahnenkultur im Ausland. Die Autoren befragten dazu bekannte Szenekenner zum Thema Südamerika, Balkan und Polen. Das Interview über letztgenanntes Land erfolgte mit einem unserer Chefredakteure und ist nun hier für euch einsehbar.
Viel Spaß beim Lesen!

Hallo, du hast ja mittlerweile mehrere hundert Fußballspiele in Polen gesehen und kennst die dortige Fanszene wie kaum ein zweiter in Deutschland. Woher kommt eigentlich dein hohes Interesse an unserem Nachbarland?
Das hat sich direkt mit meinem ersten Spielbesuch in Polen im Juni 1997 so ergeben. Ich bin damals schon gern zu anderen Fußballspielen außerhalb meines Stammvereins (FSV Zwickau) gefahren und in Deutschland gab es damals ja auf den Rängen nicht sonderlich viel zu sehen. Die ersten deutschen Gruppen waren ja selten mehr als 3-4 Handvoll Leute und ein überraschendes und innovatives „Bielefeld, Bielefeld“ fanden damals wohl nur die 11 Freunde-Studenten wahnsinnig kreativ. Auch die Stimmungslangweiler in Ostdeutschland war ich relativ schnell leid. Kurzum, Deutschland lag total brach (auch wenn paar Träumer, die damals wahrscheinlich auf ein Spiel pro Saison gekommen sind, uns das heute mit ihrem verklärt-romantisierten Blick anders weismachen wollen), während sich für mich mit dem Grenzübertritt plötzlich eine komplett andere Welt auftat. Da standen in so einem „unterentwickelten“ Land einfach mal 2.000 Leute, die perfekte Schalparaden inszenierten, utopisch lautstarke Gesänge zum Besten und viel mehr noch, die sich damals schon eine eigene Welt geschaffen hatten, die für den Betrachter nur schwer greifbar war, einfach weil sie unwirklich vor einem aufgetaucht
ist.


Die polnischen Zaunfahnen gehören nach Ansicht vieler zu den schönsten in Europa. Was macht denn deiner Meinung nach eine typische polnische Zaunfahne aus? Welche Unterschiede zu Deutschland oder dem Balkan gibt es?
Über die Jahre hat sich natürlich auch in Polen der Stil gewandelt. Typisch ist auf jeden Fall die Benutzung der Vereinswappen samt Vereinsnamen. Derartiges gab es ja beispielsweise in Deutschland überhaupt nicht, zumindest nicht vorsätzlich. Ebenso typisch und in Deutschland fast nie vorhanden, sind die pathetischen und heroischen Sprüche unterhalb und oberhalb des jeweiligen großen Schriftzugs. Ohne jetzt nachzugucken, fällt mir da spontan ein: „Halb-Polen hasst uns – Die andere Hälfte sind wir“ (Widzew Lodz), „Unsere Stadt, Unsere Regeln – es verliert der (das Spiel) der nicht mithalten kann“ (Wisla Krakow), „Um uns herum nur graue Blöcke, doch hier taten wir unsere erste Schritte“ (Apator Torun – Speedway), „Steh Auge in Auge, fühl den Hass, sag es direkt, anstatt feige hinter dem Rücken“ (Sandecja Nowy Sacz), „Wir sind wie eine große Familie, und Ilawa ist unser Sizilien“ (Jeziorak Ilawa), um jetzt mal einige zu nennen, wobei die Liste sich wirklich ewig lang fortsetzen ließe. Auf dem Balkan, v.a. in Ex-YUG, dominieren ja eher die kleinen Fahnen.


Hast du Informationen darüber, seit wann in Polen Zaunfahnen aufgehängt werden und welche Szene in dieser Hinsicht Vorreiter war?
Die Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Es wird Mitte der 70er Jahre gewesen sein. Die Vorreiter waren die Szenen, welche auch damals die größten Anhängerschaften besaßen und sehr reisefreudig waren. LKS Lodz, Polonia Bytom oder Slask Wroclaw. Der Legende nach waren Ende der 70er Jahre die Fahnenstöcke verboten, so dass die Fans aus der Not kurzerhand eine Tugend machten und die Fahnen auf die Zäune hingen. Die Geburt der klassischen Zaunfahne...


In Deutschland legen die Ultras-Gruppen mittlerweile hohen Wert darauf, dass die eigenen Zaunfahnen gemalt sind. In Polen findet man hingegen nach wie vor viele gedruckte Fahnen. Hast du eine Erklärung dafür?
Da müsste man mal nachfragen, würde aber kaum befriedigende Antworten erhalten. Das hat wohl einfach rationelle Gründe oder weil es sauberer aussieht, schwer zu sagen. In den letzten Monaten hat jedoch ein verstärktes Umdenken eingesetzt und immer mehr Fahnen werden wieder gemalt oder gar genäht.


Wenn man sich einen typischen polnischen Fanblock anschaut, hat man das Gefühl, als hingen dort nur Gruppenfahnen. Gibt es das Phänomen von Zaunfahnen, die Einzelpersonen gehören, in Polen überhaupt?
Solche peinlichen Einzelfahnen mit Namen drauf gibt es in Polen überhaupt nicht. Wenn dann nur, als Erinnerungsfahne für einen verstorbenen Wegbegleiter. Die Gesetze und internen Regularien sind dort schon noch etwas anders. Wenn dort einfach der Borsti fröhlich reinspaziert käme, um seine Fahne aufzuhängen, würde der kurzerhand paar auf die Löffel bekommen und dürfte wieder abdampfen. Das ist nicht übertrieben dargestellt, sondern ein Teil des dortigen Lebens. In den Blöcken gelten andere Hierarchien und wirklich noch die Gesetze der Straße, weil die Leute dort auch auf der Straße aufgewachsen sind (auch wenn das aktuell stetig abebbt, weil die Jugendlichen in Polen ihre Tage auch lieber virtuell miteinander verbringen). Dennoch liegt ihr etwas falsch, denn in Polen gibt es nur ganz wenige Gruppenfahnen, weil es kaum Gruppen gibt. Eine Zaunfahne mit Aufschrift „Ultras Gornik“ muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass dort auch eine Gruppe dahintersteckt. Und wenn, dann sind die Gruppen nicht so strukturiert wie in Deutschland und haben nicht annähernd die Bedeutung für die Kurve. Es handelt sich dann einfach um einen Zusammenschluss des Zusammenschlusses wegen, nicht aber, um die Kurve nach vorn zu bringen oder irgendwie „als Motor die Masse hinter sich zu vereinen“ (<- wie es ja so schön in vielen deutschen Berichten geschrieben steht). Ich glaube, Polen ist eines der wenigen Länder in Europa, wo es in den Kurven absolut keine Aufteilungen gibt, weder in Bezug auf verschiedene Gruppen noch auf irgendwelche Stile oder Ausrichtungen. Über das Wieso und Warum könnte ich nur mutmaßen bzw. hab ich meine eigenen Theorien, denke aber, das ist hier nicht der richtige Platz dafür. Somit gibt es bei Fahnenverlust auch keine Auflösungen, eben weil keine Gruppen existent sind. Sollte tatsächlich mal eine Fahne wie die „Psychofans“ (Ruch Chorzow) verloren gehen, würden die wohl erstmal die halbe Welt einreißen und den Dieb zerstückeln, bevor da irgendwie auf theatralische Art und Weise das Ende der Gruppe verkündet wird.


Denkt man an Zaunfahnenklau, denkt man an Polen. Deiner Meinung nach zurecht?
Na klar, weil das wohl nirgendwo so derartig kultiviert ist, auch in dem Ausmaß (ich nehm mal noch Schals mit rein), wie in Polen. Das Geile ist auch, dass es dort jeden erwischen kann. Sogar das große Arka Gdynia hat mal vor lauter Träumerei eine Fahne in einem Dorf im Niemandsland (an Stal Gorzyce) verloren, eine Szene, die vielleicht 30-40 Leute zählt. In Deutschland ist es ja eher unwahrscheinlich, dass Bremerhaven Ultras Frankfurt abzieht. Im Umkehrschluss besitzen Fahnen auch eine große Bedeutung. Es gab früher Fahnenrankings in diversen Zines und auch heute noch gelten feste Regeln, welche Fahnen an welchem Platz hängen. Jeder in Polen kennt die Geschichte, wie der ehemalige Anführer von Lech Poznan „Uszol“ die bekannte „Kolejorz“-Zaunfahne seinerzeit malte. Somit hat eine Fahne einen hohen Wert und je höher der Wert, desto größer die Lust, den Wert an sich zu reißen...


Ähnlich wie in Italien gibt es ja auch in Polen diverse Legenden und Anekdoten rund um verlorene Zaunfahnen. So wurde ja im Vorfeld eines Lodzer Derbys eine wichtige Zaunfahne aus einem Garten, in dem sie zum Trocknen aufgehängt war, verloren. Kannst du diese Geschichte nochmal ausführen?
Das war ja eine richtige Zufallsaktion. Widzew hatte vorm Derby bei LKS Lodz ein Heimspiel. Während der 90 Minuten regnete es stark, so dass deren wichtigste und größte Zaunfahne, die stets an zentraler Stelle vorm Heimblock hing, in Stadionnähe zum Trocken aufgehängt wurde. Man muss dazu
sagen, dass Widzew ein sehr großer Stadtteil mit ausschließlich Blöcken ist und in dem zu 100% auch nur Widzew-Fans wohnen. Es wird dort nicht einen Menschen geben, der zu LKS geht. Trotzdem hat das irgendeiner des Rivalen mitbekommen. In Eile wurde ein Trupp auf der westlichen Seite der Stadt zusammengestellt. Den Rest könnt ihr euch denken. Die legendäre „Robotnice Towarszystwo Sportowe Widzew Lodz“-Fahne (= Vereinsname), locker 40-50m lang, war damit beim Feind, der sie beim Derby natürlich gekonnt in Flammen aufgingen ließ.


Sicherlich gibt es in dieser Richtung ja noch viele andere Geschichten. Hast du da irgendeine „Lieblingsstory“, die du unseren Lesern nicht vorenthalten willst?
Es gibt natürlich viele kuriose Geschichten. Ein Mythos ist ein Fahnenklau aus dem Jahre 1998. Wenn wir das Rad der Zeit zurückdrehen, dann erinnern wir uns, dass es damals noch kein Internet gab, zumindest spielte es nicht die Rolle wie heute, wo der Zaunfahnendieb noch nicht mal wieder zu Hause ist, bei ultras.ws aber schon 17 Seiten vollgekleistert sind. Die Geschichte machte in Polen trotzdem schnell die Runde, weil es zum damaligen Zeitpunkt bestimmt gut 10-20 überregionale Fanzines gab (aufgebaut wie das Ex-Blickfang Ost). Was war geschehen? Gestohlen wurde eine gut 20 Meter lange Zaunfahne von Gornik Zabrze mit Aufschrift „Ultras Gornik“, legendäres und bekanntes Teil. Gornik prangerte an, dass die Fahne aus dem Fahnenraum im Stadion mittels eines Einbruchs geholt wurde und dies unehrenhaft war.
Hutnik, die damals nicht annähernd die Stellung und den Respekt hatten, die sie sich über die kommenden Jahre bis heute erarbeitet haben, antwortete dann mit einem langen Text im hervorragenden Fanzine „Polish Hools Nr. 4“. Zugetragen hat sich das angeblich so: Ein Hutnik-Fan hatte im Winter Langeweile und beschloss eine frühere Freundin in Katowice zu besuchen. Diese war jedoch nicht zu Hause. Nun einmal vor Ort gewesen, sah er sich das Stadion von GKS an, ehe ihn die Erinnerung packte und er beschloss, ins benachbarte Zabrze zu fahren, um sich dort nochmal das Stadion seiner ersten Auswärtsfahrt anzusehen. Dort angekommen, sah er plötzlich zwei Typen mit einer riesigen Tasche. Nur einer sah nach Fan aus, nämlich kurze Haare und olivfarbene Bomberjacke. Anfangs gar nichts gedacht, hört er plötzlich, wie sich beide über Gornik unterhalten. Als die beiden in den Bus einsteigen, steigt er mit ein und entreißt ihnen geistesgegenwärtig an der Haltestelle nahe dem Bahnhof die schwere Tasche. Er rennt in Richtung Bahnhof, steigt in einen der bereitstehenden Züge und versteckt sich minutenlang auf der Toilette. Die beiden Zabrzer wussten im ersten Moment gar nicht, wie ihnen geschah und erst als der Zug abfuhr, traute sich der Angreifer nach draußen zu sehen, wo er nur noch einige Leute suchend über die Gleise rennen sah. Somit landete das Beutestück am frühen Abend in Nowa Huta (Krakow), wo eine eiligst zusammengetrommelte Abordnung Hutniker beim Basketballspiel zwischen Hutnik und Linodrutem Zabrze vorbeischaute und das gute Teil dort mit dem Kopf nach oben aufhing, sehr zur Verwunderung der Gästespieler. Dieser Fahnenklau war damals ein sehr breit diskutiertes Thema und ob sich das wirklich so zugetragen hat, wissen nur die Beteiligten. Etwas seltsam, dass fast zeitgleich eine weitere Zaunfahne den Besitzer wechselte. „Ruch 1920 Chorzow“ ging ebenso an Hutnik, nur wurde diese aus dem Fahnenraum von Ruch geklaut. Mit Ruch legt man sich ja besser nicht so einfach an, v.a. nicht die damals sehr junge Szene von Hutnik. So schrieben sie später im gleichen Fanzine, dass ihnen die Aktion im Nachhinein leid tut, die zwei Diebe bereits aus der Szene entfernt wurden und sich bei Hutnik nicht mehr sehen lassen brauchen, ehe die Fahne wieder an die Besitzer zurückgegeben wurden, wenngleich die Meinungen dazu in der eigenen Szene zweigeteilt waren, einfach um Ruch eine Lektion zu erteilen (in Bezug auf das Ablegen von Fahnen in solchen Räumen), aber auch weil Ruch kürzlich mit 100 auf 10 Hutniker losgegangen ist. Hutnik bedauerte den Vorfall, weil ihnen jetzt natürlich niemand mehr Glauben schenken wird in Bezug auf den ehrenhaften „Ultras Gornik“-Fahnenklau, lädt aber Zabrze nach Krakow ein, um sich das Teil zurückzuholen. „Reserviert aber im vorab schon mal Plätze auf einem der Krakauer Friedhöfe. Und wenn wir nicht mit euch fertig werden (wovon wir jedoch nicht ausgehen), dann gibt es ja in unserer Stadt noch zwei andere Truppen, die sich eine solche Gelegenheit nur ungern entgehen lassen“.


Spielen Einbrüche in Polen auch eine Rolle?
Ich glaube sowas hält sich in Grenzen, weil das als unehrenhaft angesehen wird. Arka Gdynia hat Lechia Gdansk mal die Räume aufgebrochen, aber ansonsten sind mir fast keine solcher Vorfälle bekannt.


Welche Szenen sind eigentlich deine persönlichen Favoriten im Hinblick auf den Zaunfahnenstil?
Ich mag eher die schlichten Sachen mit prägnanten Aufschriften. Ich mag zwar nicht den Verein, aber die „Hooligans Zaglebie“-Fahne gehört zu den besten Zaunfahnen der Welt. Geil finde ich auch alte Dinger wie „Official Fans – IKS Jeziorak – Special Group“, dazu noch Logos an beiden Seiten, hammergeil. Oder einfache Sachen wie von Slask Wroclaw die alte „FIGHTERS“- Fahne oder die legendäre „Nasz honor to bronic tych barw“ (Unsere Ehre ist das Verteidigen dieser Farben). Oder die „Football Hooligans“ von Zawisza Bydgoszcz mit einem Fußball (!) drauf. Wahnsinn!


Die Repression macht ja auch vor Polen nicht Halt, wovon du sicherlich ein Lied singen kannst. Gibt es in Polen auch Probleme mit Zaunfahnenverboten? Oder sind solche Maßnahmen in naher Zukunft absehbar?
Irgendwie komischerweise noch nicht. Ich hätte damit gerechnet, dass solche Maßnahmen schon viel eher greifen, doch bislang bleibt man davon verschont. Die einzigen Verbote sind eben bei Aufschriften. So sind manche Wortlaute nicht erlaubt (in krassen Fällen zum Beispiel solche, die mit dem Sport an sich nix zu tun haben – total bescheuert!), oder eben Aufschriften wie „Grüße ins Gefängnis“ oder „Halte durch XY“. Hängen solche Fahnen doch, so droht hin und wieder sogar der Spielbeobachter mit einem Abbruch des Kicks! 

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