ALLES ÜBER ULTRAS: MAGAZINE, BÜCHER, SONDERAUSGABEN

Neues

Es ist soweit:BFU endlich im Abo!

Ab sofort könnt ihr ein 4er Abo bei uns abschließen. Auswählen könnt ihr dabei zwischen den Paketen Ausgabe 27 bis 30 oder 28 bis 31.

verfasst am 08.08.2012, 03:55

LESEPROBE - IM NORDEN DES SÜDENSvon Ted Striker

Leseprobe: IM NORDEN DES SÜDENS von TED STRIKER

Montagmorgen. Die zurückliegenden Stunden verschafften mir kein ausgeschlafenes Gefühl. Aufgeregt wie ein kleines Kind in der Nacht vor dem Heiligabend, hatte ich mich bestenfalls dösend im Bett hin und her gewälzt. Es war aber weder das Bett in meiner Berliner Wohnung noch in meinem Greifswalder Jugendzimmer. Das Bett stand im Zimmer 22 des Hotels Plazamar in Macuto. Macuto in Venezuela. Und das Abenteuer Südamerika stand bevor.

Im Badezimmer spritze ich mich kurz mit Wasser ab, warf mein Sommerreisegewand an und begab mich die Treppen hinunter, um in die Wirklichkeit hinauszutreten. Die Schwüle erfasste meinen Körper sofort. So ein äquatornaher Sommertag war schon etwas anderes als ein Ostseestrandtag im August. Aber auch die mich umgebende Kulisse musste erst einmal verarbeitet werden. Vor mir lag der, wörtlich übersetzt, Platz der Tauben, auf dem eine Vielzahl der namensgebenden Ratten der Lüfte ihr Revier abschritten. Mit dem Charme des Abgenutzten präsentierte sich das zentralgelegene Areal. Vom Zustand der Bausubstanz her ergaben sich schnell Parallelen zu bedeutungsgleichen Versammlungsorten in den ehemals sozialistischen Ländern östlich der Oder. Nur war der Anstrich hier nicht stringent in grau gehalten, sondern es buhlten verschiedene warme Farben um die Gunst des Betrachters. Südlich vom Taubenplatz und Macuto erhoben sich dichtbewaldet die ersten Gipfel des Avila-Massivs, welches das beschauliche Badeortleben des Küstenbundesstaates Vargas von der Hektik der venezolanischen Hauptstadt Caracas trennte. Nördlich von meinem Standpunkt präsentierte sich mit der Illusion der Unendlichkeit das karibische Meer.

Der Strand wurde von eifrigen Händen um die reichlichen Hinterlassenschaften der Wochenendgäste erleichtert. Die Ruhe nach dem Badesturm war allgegenwärtig. Der Montag war auch hier ein Werktag – nur vereinzelt okkupierten braun gebrannte Körper den feinkörnigen Sand oder entluden ihren infantilen Spieltrieb im türkis schimmernden Nass. Tauschte ich Pelikane mit Möwen und Venezolaner mit Sachsen, so war mir Caracas’ Badewanne vertraut wie die heimische Ostsee.

Die Schönheit des Moments wurde aber jäh vom Hämmern des Organisationssinnes erschlagen; galt es doch die Weiterreise zu finalisieren. Wie es seit jeher auf meinen Reisen gewesen war, war die Planung auch hier zeitlich auf Kante genäht – Ruhepausen oder Erholung, gemeinhin auch als Urlaub bekannt, waren rar gesät. So hatte ich zwar für mein dreitägiges Anden-Gastspiel bereits im Vorhinein und digital eine famos wirkende Unterkunft gebucht. Aber unglücklicherweise glich die Anfahrtsbeschreibung einer Schatzkarte ohne Ziel-X, so dass ich meine derzeitige Herbergsmutter bitten musste, die beinahe angestaubteste Art der Telekommunikation zu nutzen und meinen zukünftigen Herbergsvater anzurufen. Nachdem mir Giovanna nun zwar eine neue Schatzkarte mit X, aber leider mit unvollständiger Strichellinie gab, erklärte sie mir noch den Weg zur Straße, der von den Bussen gen Caracas passiert wurde und wir verabschiedeten uns.

Beim Anblick der vorbeirauschenden Autos erkannte ich schnell, dass ein Gegenstück zum teutonischen TÜV in Venezuela nicht existent war. Alles, was vier oder gegebenenfalls mehr Räder hatte und Sprit vertrug, war Bestandteil des hiesigen Straßenverkehrs, und nicht nur einmal bildete ich mir ein, dass der wahrhaftige 72er Plymouth von Al Bundy an mir vorbei brummte. Zwei von drei Kisten hatten noch in den 70er Jahren des letzten Jahrtausends die Rollbänder von Detroit verlassen und tuckerten oder knatterten seither mit wenig Wartung, aber viel Liebe über die hiesigen Teerdecken. Bei der Hubraumgröße der Straßenkreuzer würden deutsche Nutzer schon beim Leerlauf Tränen des finanziellen Ruins verlieren. Unter der Ägide Chavez’ war das Motoren-Elixier stark subventioniert, und bei Preisen von zwei Cent pro Liter war der Benzinverbrauch zwar interessant, aber letztlich irrelevant.

Die Kleinbusse, die hier das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs bildeten, stachen aus der Masse des mobilen Rostes heraus. Und das nicht, weil sie etwa noch weniger Wartung genossen hatten, sondern sich augenscheinlich noch mehr Liebe, nein, Leidenschaft erfreuen durften. Die kunterbunten Busse waren ein Spiegelbild des jeweiligen Charakters ihrer Lenker. Nachdem ich zunächst dachte, dass sich der Mannschaftsbus vom FC Barcelona verfahren hätte – ein ganz in blau und rot lackiertes und mit Spielernamen verziertes Gefährt kreuzte mein Blickfeld – staunte ich schon wenig später über das gelb-blau-rote sowie Unabhängigkeit und Freiheit verkündende Bolivar-Mobil.

An den Steilhängen des Küstenstreifens sprossen die Barrios. Was provisorisch gedacht war, wurde langfristig genutzt; entweder bis die Politik oder die Natur ihnen ein Ende bereitete. Letztmalig kam es nur drei Monate zuvor zu heftigen Niederschlägen, die Schlammlawinen und Hangrutschungen nach sich zogen. Die entvölkerten Schneisen zeugten noch von den Folgen des Unwetters. Dann durchschnitt die Autobahn das Avila-Massiv. Wenigstens hier behielt die Natur die Oberhand. Aber dann, noch bevor ein Ortseingangsschild oder andere Zeichen das caracas’sche Hoheitsgebiet offiziell verkünden konnten, frästen sich schon wieder die Barrios ins Grün und schufen vollendete Tatsachen.

Kurze Zeit später endete meine Fahrt an der ersten Metrostation Garto Negro. Selbst am frühen Nachmittag war diese Gegend nicht der einladendste Willkommensgruß für ausländische Reisende wie mich; vor allem, wenn man der Einzige war. Während ich mein blondes Haar noch mehr oder weniger erfolgreich durch eine Mütze verbergen konnte, verhinderte meine blasse Haut jegliche Versuche der Integration und Assimilation, so dass ich mich nun schon darauf einstellen konnte, dass unbeobachtete und -bemerkte Momente in naher Zukunft selten sein dürften.

In der Metrostation scheiterte mein Versuch des Weißfahrens, da das Luder von Fahrkartenautomat meine Münzen nicht schlucken wollte. Erst nach Intervention bei der Stationsherrin, die mein Schwarzfahren mit einem Lächeln legitimierte, konnte ich meine Fahrt zum privaten Busbahnhof Peli Express fortsetzen. Dort hatte ich dann Glück im Unglück – zwar hatte ich schnell eine Fahrkarte nach Merida, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, in der Tasche, jedoch sollte sich die Abfahrt noch sieben Stunden hinauszögern. Die erste halbe Stunde verging recht fix; mein Magen bekam seine venezolanische Premiere – Empanada, Teigtaschen mit Käsefüllung – von mir serviert. Erst mit Minute 31 begann ich zu realisieren, dass noch 389 weitere folgen sollten. Ganz langsam wagte ich mich aus der vermeintlichen Sicherheit des Warteraums ins Leben – wie der Klassenprimus beim Abiball stand ich abseits der Geselligkeit beobachtend an der Straße, immer in Sichtweite zum bewaffneten Wachmann. Die medial geimpfte Angst und der Sicherheitsgedanke hatten mich vollständig annektiert; aber so durfte es auch nicht weitergehen. Wie dödelig war ich geworden, ich wollte meine Reise doch nicht damit verbringen, einem Satelliten gleich, um Schutzbefohlene zu kreisen. Es war hell, die Straßen belebt – rein ins Getümmel!

--

Mit einem Mal stoppte unser Express. An einen Beweis dafür, dass unser Mobil doch über Bremsen verfügte, hatte ich gar nicht mehr geglaubt. Inmitten von Baumriesen befand sich ein fahl erleuchtetes Anwesen. Fragend guckend drehte ich mich zu meinem Nachbarn, der mir erklärte, dass unsere Besatzung hier schlafen und auf die Öffnung des Iwokrama-Schutzgebiets warten würde. Mein Körper jubelte – endlich Stillstand, endlich Ruhe. Die vergangenen Stunden waren ein schmerzhafter Höllentrip sondergleichen. Ich konnte mich nicht erinnern, bei einer Reise jemals solche Qualen durchlebt, einen Stopp so herbeigesehnt zu haben. Vielleicht lag es am Altern, vielleicht am fortschreitenden Hang zur Bequemlichkeit, auch wenn diese verhältnismäßig kümmerlich ausgeprägt war, aber diese Etappe zeigte mir meine Grenzen auf.

An einer Art Rezeption konnte für zwei Euro eine Hängematte geliehen werden, die dann in einem hölzernen Pavillon gespannt wurde. An Schlafen war zunächst nicht zu denken, da einer der sechs Brasilianer aus unserer Gruppe ohne Rücksicht auf musikalische Mindeststandards mit der MP3-Funktion seines Handys DJ spielte. Kaum hatte sich der Schlagerterror gelegt, die Geräuschlosigkeit für einen kurzen Moment obsiegt und sich meine Augenlider geschlossen, da nahte das Heulen eines Motors. Benommen von der Müdigkeit sah ich verschwommen, wie der Konkurrenzbus aus Lethem auf dem Parkplatz ankam. Als die Schiebetür sich öffnete, entstiegen weiße Ordensschwestern sowie ein weißer Mann. Meine Akkus waren scheinbar völlig ausgelaugt, ich musste dringend schlafen.

Vier Uhr in der Früh spürte ich einen Stupser. Aufstehen, Zähne putzen und Platz nehmen, die Hast ging weiter. Der Viertakter wurde mit hohen Drehzahlen auf Betriebstemperatur gebracht, die Achsen wurden gepeinigt wie am Vorabend. Entgegen dem behutsamen Wecken, teilte unser Fahrer nun Stöße aus. Links, rechts, rechts, links – wie ein angeknockter Boxer taumelte ich mit meinem Torso auf meinem Sitz. Langsam erhellte sich der Horizont, erhöhte  die Sichtbarkeit der Kulisse, aber nicht das Sicherheitsgefühl. Wir waren gefangen vom Wald. Vom Wald, der die rostig färbende Fahrbahn eng begrenzte. Die stoische Ruhe, mit der unser Steuermann sein Handwerk ausführte, war mir nicht gegeben. Bei unserer Geschwindigkeit  hätte eine verhängnisvolle Unebenheit gereicht, um uns einem Stamm näherzubringen.

Auch meinem Magen bekam das Gerüttel gar nicht gut. Es musste etwas raus, zwar nicht oben, aber unten. Bevor ich meinen Haltewunsch formulieren, den Forst als Klo nutzen und düngen konnte, bremsten wir für die Einlassschranke zum Iwokrama-Schutzgebiet ab. Während die bewaffneten Ranger unser Gefährt unter die Lupe nahmen, lief ich mit Toilettenpapier zum nahestehenden Plumpsklo. Das T-Shirt riss ich mir über die Nase um mich vor der fiesen Duftwolke innerhalb des holzummantelten Quadratmeters zu schützen. In Ruhe und mit Zeitung in den Händen vollrichtete hier mit Gewissheit niemand sein Geschäft. Erleichtert schlenderte ich zurück und begab mich auf die Rückbank.

Das Teilstück durch das Iwokrama-Schutzgebiet war nachts gesperrt, und die Zugänge wurden überwacht. Der Schutz kam nicht von ungefähr. Wir befanden uns nun innerhalb eines der letzten vier unberührten Tropenwälder dieser Welt. Dies bedeutete aber nicht, dass die Tachonadel nicht gleich wieder am Anschlag war. Mit unverminderten Gaspedaldruck schossen wir über den matschiger werdenden Untergrund. Aus der Trockenzeit wurden wir wieder in den Regen katapultiert.

Auf dem 72 Kilometer langen Iwokrama-Abschnitt kam ich erstmals mit meinen Sitznachbarn ins Gespräch; der Sohn und sein Erzeuger waren Guyaner, die mit ihrer europäischen Abstammung zur hiesigen Minderheit gehörten. Die Strapazen der Strecke steckten beide äußerlich besser weg, begründeten dies dadurch, dass sie oft zwischen Lethem und Georgetown pendelten und Gewöhnung irgendwann einsetzte. Der Vater berichtete, dass in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Bau der Georgetown-Lethem Road begonnen wurde. Oder besser gesagt mit dem Schlagen der Schneise in den Wald und deren Ebnung. Auf die weiter vorne platzierten und sich lautstark unterhaltenden Brasilianer war er gar nicht gut zu sprechen. Wie der Guide schon in der Lodge meinte, kamen immer mehr nach Guyana, um sich Schürfrechte für die Goldsuche zu sichern. Jedoch war der Anteil dieser Einnahmen, der an die Bevölkerung weitergeleitet wurde, klein, die Geldbörsen von verschiedenen Amtsinhabern groß. Dieser Aspekt war aber nicht ausschlaggebend für die Einschätzung des Guyaners. Wir waren in Südamerika, Wunder erwartete hier kaum jemand. Es war das Verhalten der Eindringlinge aus dem nahen Riesenstaat: arrogant, überheblich und selbstgefällig. Mit der Überzeugung, ihre Herkunft sei etwas Besseres, stolzierten sie durch den Tag und gaben sich so, als ob Ihnen die Welt gehörte und nur ihnen allein zur Verfügung stünde. Rücksichtnahme war nicht vorhanden: Lautstark wurde gequatscht und Musik gehört. Später, als wir an einer Raststätte hielten, war die Schlange für sie inexistent. Weder die Einheimischen noch ich wurden beachtet. Ohne eine äußerliche Regung wurde vorgedrängelt und bestellt. Und auch der politische Einfluss sollte wachsen; die Brasilianer hatten angeboten, die Verbindung zur guyanischen Hauptstadt zu asphaltieren, was bislang aber in Georgetown abgelehnt wurde. Die Angst vor einer schleichenden Übernahme des eigenen Staates war beträchtlich.

verfasst am 08.08.2012, 05:29

Stadtderby in BelgradErschienen in Blickfang Ultra Nr. 30

Stadtderby in Belgrad

Stadtderby in Belgrad. Jedem Leser fällt da auf Anhieb bestimmt etwas zu ein. „Boah, geil.“, „Pyyyrooo“, „Hass total“ oder so was wie „Da geht’s richtig ab“ dürften so die ersten Worte sein, die dem Interessierten aus Deutschland beim Gedanken an das „Ewige Derby“ durch den Kopf schießen. Tatsächlich steht hinter dem Spiel aber weitaus mehr. Mehr als nur volle Kurven, laute Gesänge und extreme Pyroshows.

Autor: Mirko Otto
Bilder: Markus Stapke

Derbi je derbi. Zvezda je zivot. Ostalo su sitnice

Tatsächlich hat das Stadtderby in Belgrad nämlich seine ganz eigene Kultur, ja vielleicht eine eigene Philosophie. „Derbi je derbi. Zvezda je zivot. Ostalo su sitnice - Ein Derby ist ein Derby. Der Stern ist das Leben. Alles andere sind Nebensächlichkeiten“, so begrüßt mich einer meiner serbischen Freunde und schickt schnell noch hinterher, dass „es in Europa wohl fast kein Pendant mit so einer bedeutungsvollen und in der Bevölkerung anerkannten Geschichte dazu gibt“. Da klingt, genau wie die späteren Gesänge, wie Musik in meinen Ohren.

Was dieses Derby so einzigartig macht, ist grundsätzlich die Tatsache, dass man Serbien an diesem Tag grob in zwei Lager teilen kann. 90% des Landes halten an diesem Tag einem dieser beiden Vereine die Daumen, was es in dieser Hinsicht in keinem anderen Land in Europa in dieser Intensität gibt. Der Grund hierfür ist sicherlich, dass früher Jugoslawien eine große Liga hatte und Roter Stern und Partizan große Vereine waren, wohingegen viele heutige Erstligisten in Serbien nicht einmal ansatzweise an Liga 1 schnüffeln konnten. Dazu kommt auch, dass beide Klubs medial sehr stark forciert wurden und man eigentlich von klein auf gar nicht an den beiden vorbeikommt. So ist also nicht nur am eigentlichen Spielort in Belgrad die Luft am Kochen, sondern auch in fast allen Teilen des Landes, ob nun auf Anreisewegen oder den Ortschaften an sich. Der Stellenwert des Spiels ist dadurch umso immenser. Höher als im Rest des ehemaligen Jugoslawien. Athen und Istanbul sind da sicherlich diejenigen, die den Stellenwert teilen, wobei dort die großen Spiele ja meist unter Ausschluss der Gästefans stattfinden.

Betrachtet man als neutraler Besucher im Stadion beide Kurven, so wirkt sowohl die Kurve im Norden (Delije), als auch die im Süden (Grobari) als groß, imposant und ein Unterschied zwischen beiden Kontrahenten ist auf den ersten Blick für den ausländischen Betrachter nur schwerlich auszumachen. Nicht wenige Kenner attestieren den Delije, momentan Europas stärkste Kurve zu sein. Durch die unheimlich gute Organisation, eine wahnsinnige Intensität in ihren Gesängen, immer wieder verrückte Choreographie-Ideen und natürlich die krasse Masse innerhalb des Stadions wirkt das für Betrachter wie das Paradebeispiel einer funktionierenden Kurve. Wer nun noch die Feinheiten betrachtet, der wird sich gar noch begeisterter äußern, denn seit einigen Jahren verstärken sich die Einflüsse aus dem „Crazy North“-Stil der 80er Jahre. Kurvenspektakel mit Pyrotechnik, große Schwenkfahnen, Retrostil bei Choreographien. Das wirkt einfach klar und sehr authentisch.

Schaut man als Unbedarfter auf das Gegenüber, könnte man annehmen, die Schwarz-Weißen stehen im Schatten ihres ewigen Rivalen. „Kreative Anarchie“ nennen die Grobari ihren Stil. Und was immer sie damit ausdrücken wollen: Am heutigen Derbytag ist es ihnen gelungen diesen Stil, der sich – wie sie selbst sagen – mit Worten nicht erklären lässt und den man nur fühlen kann, wenn man zu ihnen gehört, in der Kurve zu repräsentieren. Doch dazu später mehr.

„Hals – Hand – Schals – das waren die Grobari – aber wer seid ihr?“ fragte die Delije während eines Derbys vor 3-4 Jahren via Spruchband. Es sollte eine Anspielung auf die Wandlung einer Gruppe sein, die einst als Phänomen galt. Noch in den 1980er Jahren zählten die Grobari zu der sicherlich faszinierendsten Gruppe des ehemaligen Jugoslawien. Beeinflusst vom englischen Fanwesen, Punk, der Skinhead-Kultur, Alkohol, Randale, englische Lieder (u.a. auf die Melodien von Cock Sparrer, Rule Britannia) und natürlich bedingungslose Treue zum Verein. So manch einer inklusive des Gegenübers meint, dass davon nicht mehr viel übrig sei und die Süd nur noch wirkt wie eine schlechte Kopie der Nord, nur mit wenigen verbliebenen eigenen Einflüssen. Sogar ein tausendfacher Spottgesang ertönt oftmals aus der Nord dese Thematik betreffend: „Du bist nur eine schlechte Kopie unserer Nord, du Grobari-Schwuchtel.“ („Ti si samo losa kopija, naseg severa…“)

Aber ob dem wirklich so ist? Sicherlich ist überall ein Fünkchen Wahrheit dran. Mal mehr, mal weniger. Fakt ist, dass die Grobari seit jeher jedwede Art von Kurvenorganisation verachten. Keine ausgefeilten Choreographien, keine Lautsprecheranlage, keine Mikrophone in den Kurven. Als britischen Stil würden wir es bezeichnen, während die Grobari ihn selbst als serbischen Weg betiteln. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer, so meinen zumindest die „Kritiker“ des Gegenübers, denn der einst propagierte Weg ist in den vergangenen Jahren verlassen worden. Worüber sich früher lustig gemacht wurde (Choreos, Mikrophonanlagen), wurde nun in gewissen Maßen adaptiert, vielleicht auch weil in der heutigen Zeit doch zu viele fremde Einflüsse auf eine Kurve einprasseln und die Führung einer Kurve nicht mehr anders funktioniert.

Und „zu guter Letzt“ ist da noch die sagenumwobene Spaltung innerhalb der Süd. So ziemlich jeder dürfte von der Trennung der Zabranjeni („Die Verbotenen“) mitbekommen haben. Auch hier ist es von außen sehr schwer, die Sache zu beschreiben. In meinen Augen ist es zu einfach, die eine Seite als „die Guten“ hinzustellen, während die anderen „die Bösewichte“ darstellen. Ein Urteil möchte ich mir an dieser Stelle auch nicht erlauben. Es ist aber ebenso eine Tatsache, dass viele Personen der Grobari sich gar nicht oder sogar unbewusst positionieren. Viele Leute haben Bekannte und Freunde auf beiden Seiten. Manch einer geht bei Heimspielen gar auf eine der Geraden, andere bleiben den Spielen sogar fern und andere wiederum interessiert der Konflikt überhaupt nicht. Ja, es gibt sogar Stimmen, die behaupten, dass derartige Zwistigkeiten sogar die Grobari ausmachen und zu ihrer Geschichte gehören. Bereits um die Jahrtausendwende hatte es mit der „Juzni Front“ eine Abspaltung gegeben, die irgendwann aber wieder beigelegt wurde.

Um nochmal kurz auf Style und Mentalität zurückzukommen: Interessant zum Abschluss ist sicher die Tatsache, dass es bei den Grobari eine Band namens „Grupa JNA“ gibt, die Punkcover der Kurvenlieder spielt und damit den alten, ureigenen Stil der Kurve forciert. Die Zabranjeni fahren diesen Stil sogar noch extremer und greifen bewusst auf Liedgut aus den 1990ern zurück, um die Tradition der Kurve zu unterstreichen.

Der Tag des ewigen Derbys

Für die Delije sogar mehr als das, denn am gestrigen Abend fand zudem noch das Basketballspiel im internationalen Wettbewerb gegen keinen geringeren als Panathinaikos statt. Warum das so brisant ist? Weil Roter Stern mit dem Erzfeind von PAO, Olympiakos Piräus, im Bunde steht. Demzufolge waren unzählige Griechen bereits unter der Woche angereist und kamen so in den Genuss zweier Highlights binnen eines Tages. Selbstverständlich waren auch viele Freunde aus Russland (Spartak Moskau) anwesend, während bei Partizan ebenfalls Freunde aus der russischen Hauptstadt (CSKA) und Griechenland (PAOK) empfangen wurden. Ansonsten war am Spieltag im Stadionumfeld nichts Außergewöhnliches festzustellen. Anders als in Deutschland findet hier kein Karneval statt und die abendliche Party mit Suff und Grölerei wird nicht auf den Spielbesuch ausgedehnt. Überall junge und sportliche Leute, ein krasser Affront gerade zum heimischen Deutschland.

Etwas überraschend auch die heutige Zuschauerzahl, denn sportlich stehen sowohl Roter Stern als auch Partizan aktuell sehr unbefriedigend da. Bei Roter Stern wurde in den vergangenen Wochen gar den Spielern gedroht, hatten diese doch über die Medien verlauten lassen, dass aktuell das Gehalt pünktlich käme und sich jeder sogar sein Shampoo selber kaufen müsse. Es dauerte nicht lange, da folgte des Nachts ein Besuch von Unbekannten auf dem Trainingszentrum und kurz darauf fanden sich durch Scheiben geworfene Hygieneartikel in den Spielerautos wieder. Schwer zu übertragen auf Deutschland, denn Kenner behaupten schon lange, dass der Sport in Serbien verloren sei. Dubiose Machenschaften, wohin man schaut. Vereinsmitgliedschaften wie bei uns sind hier gänzlich unbekannt. Und so ist ein stetes Kommen und Gehen diverser Persönlichkeiten zu beobachten, von denen so mancher sich sogar schon angeschickt hat, „den Klub in die Pleite zu wirtschaften, um dann dass Stadiongelände billig aufzukaufen“. So ganz nebenbei tickern dann Nachrichten über den Äther wie kürzlich, als der von Partizan nach Piräus verkaufte Spieler Scepovic gar nicht für die ursprünglich vermeldeten 3,6 Millionen Euro, sondern doch nur für lediglich 600.000 Euro gewechselt sei. Wohin in der Zwischenzeit die Differenz geflossen ist, überlasse ich der Phantasie der werten Leserschaft… Da verwundern folglich die immer wiederkehrenden Aussagen von Freunden aus Serbien nicht, die ohne mit der Wimper zu zucken sinngemäß bekennen: „Wegen des Fußballs ist heute keiner hier, we don‘t care, let‘s focus on the action on the stands“.

Machen wir das und schauen auf die, wie gerade beschrieben, mit 40.000 Zuschauern überraschend gut gefüllten Ränge des Marakana. Erwartungsgemäß proppenvoll präsentiert sich die Nord (Sever) der Delije. Gut 12.000 Personen tummeln sich hier und ein erster Orkan tönt weit vorm Anpfiff durch die Runde. Doch bis kurz vor Spielbeginn bleibt es relativ still, lediglich die Attacke im Gästeblock wird mit höhnischem Lachen und entsprechenden Schlachtrufen quittiert. Die Zabranjeni, die heute mit etwa 1.600 Personen den eigentlichen Gästeblock füllten, wurden von einer Gruppe aus der Süd mit einem versuchten Sturm und fliegenden Fackeln begrüßt. Diese flogen ihrerseits natürlich auf schnellstem Wege wieder zurück und ein minutenlanges Hin und Her war die Antwort. Die Ordnungshüter verfolgten auch eher gemächlich das Treiben und griffen sehr spät halbherzig ein, bildeten eine Kette und verbreiterten den Pufferblock zwischen beiden Partizan-Blöcken.

Kurz darauf folgte auch schon der Einlauf beider Mannschaften und die Nord präsentierte ihre heutige Aktion. Als Hauptspruchband hing an zentraler Stelle am Zaun: „Wahre Werte stehen nicht zum Verkauf“, ehe oberhalb und damit innerhalb der Kurve nun ein Spruchband auf das nächste folgte. Jedes Transparent für sich war auf die Hauptbotschaft bezogen und stets ein Textbeginn oder Teil eines Kurvenliedes. Die einzelnen Botschaften sind nur sehr schwer vom Serbischen in die deutsche Sprache zu übersetzen und verlieren dadurch etwas an Kraft und Stärke. Ich habe es trotzdem versucht:

Und wenn sie mir Millionen, Billionen bieten würden
Meine Jahre vergehen
Ein Zigeuner* war auch mein Alter
Seit meiner Geburt
Es war 5.05 Uhr als ich auf die Welt kam. Ein neuer Delija wurde geboren
Bis zum Tod sind wir mit dir, wir werden dich nicht verraten
Schon früh als Kind habe ich den Weg gefunden
Du weißt genau, dass ich immer da sein werde

* Zigeuner (Cigani) ist eine Bezeichnung für die Roter-Stern-Anhänger, den sie auch selbst für sich benutzen

Zehntausend Fähnchen in den Vereinsfarben, brennende Bengalen und in die Höhe schießende Silvesterraketen boten ein ansehnliches Bild und zeigten genau den Weg, den die Kurve gerade geht. Als das Spektakel beendet war, erhob sich auch der Gästeblock. Ebensolche Fähnchen, allerdings in den eigenen Farben, schwarz-weiß-grau, angeführt von gleichfarbigen großen Schwenkfahnen und dem Spruchband „Und selbst wenn ich irgendwann zu Rauch und Staub werde, meine Herzen werden immer mit ihm sein“. Unzählige lautstarke Böller und vereinzelte Bengalen durften ebenso wenig fehlen. Die Zabranjeni nutzten die Möglichkeit und ließen ihrerseits den vor knapp zwei Jahren getöteten Ivan Perovic hochleben. Ein Konterfei samt Spruchband „Grobi lebt“, bildete den Anfang, ehe daraufhin auch noch Spruchbänder für ein vor wenigen Tagen getötetes Mitglied der Abspaltungsgruppe folgten. „Wo du aufgehört hast, machen wir weiter; Du lebst in uns weiter; sie können dich nicht töten“ prangte auf großen Lettern im kleinen Block der Zabranjeni.

Zu Recht prangern sie einmal mehr den sinnlosen Tod eines Fußballfans an. Kritische Stimmen innerhalb der Szenen meinen, dass die Serben sehr wohl fair zur Sache gehen können, doch eines können sie nicht: Verlieren. Und derartige Racheakte gehen dann meist blutig oder im schlimmsten Fall gar tödlich aus. Tatsache ist aber auch, dass selbst die Zbr. vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Erst beim letzten Derby hatte es mit die Delije ein Aufeinandertreffen gegeben, in dem von beiden Seiten etliche Hilfsmittel benutzt wurden, wobei es hier schon wesentlich „zivilisierter“ zuging, als es wohl früher der Fall gewesen wäre. Trotz allem sind sie und auch viele andere serbischen Gruppen sehr um eine Veränderung innerhalb der Szene bemüht. Einen ersten Versuch hat es im Februar 2013 gegeben, als ein gemeinsamer szeneübergreifender Marsch von den Zabranjeni initiiert und von vielen anderen serbischen Gruppen sogar angenommen wurde. Die Botschaft hinter der Demo lautete u.a. ohne Waffen und stattdessen fair in den Kampf zu ziehen. Quasi ein besseres „Miteinander-Gegeneinander“. Doch solch tiefgreifende Veränderungen gehen nicht von Heute auf Morgen vonstatten und schon gar nicht in einem Land wie Serbien, das im Vergleich zu anderen Ländern eine ganz andere und eigene Bewältigung der Vergangenheit mitsamt aller einhergehender Probleme zu bewältigen hat. Als großes Vorbild gilt hier die Hooligan-Szene des russischen Bruders, wo der faire Kampf oberstes Gebot und Credo zugleich darstellt.

In Sachen Akustik lagen die Vorteile klar auf Seiten der Gastgeber. Auch weil der gesamte Stil, allen voran die Melodien, sehr eingängig sind und oft lange gehalten werden. Kritiker meinen zwar auch, dass es schon bessere Auftritte gab und bei so manchem Spiel „mehr ging“, aber das sind wohl höchstens minimale Nuancen, praktisch das Haar in der Suppe. Demgegenüber standen die Grobari, die aufgrund der Spaltung immer noch schwer paralysiert wirkten. So sehr die führenden Gruppen wie Alcatraz, Shadows und Headhunters sich bemühten, so deutlich wurde auch, dass eben ohne ernsthafte Koordination und ohne klug positionierte Vorsänger nicht das Optimum aus der Kurve geholt werden konnte. Apropos Headhunters: Selbige hatten in den Stunden vorm Spiel ein Aufeinandertreffen mit Delije zu erleiden. Perfekt geplant und ausgetüftelt bewies die Nord auch in solchen Momenten ihre Stärke und passte die Headhunters auf ihrem Weg von Obrenovac in die Hauptstadt im Belgrader Vorort Umka ab. Über das Stärkenverhältnis gibt es wie immer verschiedene Angaben, Fakt ist jedoch, die Zaunfahne und eine große und sehr bekannte Schwenkfahne waren daraufhin in der Hand des Feindes, was für die Grobari natürlich eine klare Niederlage bedeutet, auch weil die Headhunters zu einer der stärksten Gruppen in der Süd gehören.

Es sah also alles nach einem verlorenen Tag für die Schwarz-Weißen aus, bis es dann plötzlich zur 47. Minute eine grandiose Pyroshow mit bestimmt über 80 bengalischen Fackeln zu bestaunen gab. Doch der Rauch hatte sich noch gar nicht richtig verzogen, da flackerte in der Süd das erste „richtige“ Feuer auf. Etliche der zu Beginn des Spiels eingesetzten Fähnchen wurden eiligst auf einen Haufen geworfen und kurzerhand angebrannt. Als die Flamme 1-2 Meter hoch loderte, schloss sich der Rest des Blockes der Initiative an, sammelte alles an brennbaren Materialien und nun flackerten im dunklen Rund munter 6-7 weitere Flammen fröhlich vor sich hin. Anfangs noch belächelt, wuchsen die Flammen von Minute zu Minute an, mehr und mehr Blicke richteten sich auf die Gäste und sogar das Spiel wurde nun unterbrochen, was in Serbien normalerweise so schnell nicht geschieht. Die Grobari genossen sichtlich die ihnen nun zuteil gewordene Aufmerksamkeit. Da war er wieder, ihr alter Stil. Feuer legen und dann im November oberkörperfrei sich den druckvollen Feuerwehrschläuchen entgegenstellen. Selten traf das Wort Psychopathen besser zu. Doch richtig perfekt machte dieses Gesamtbild erst das in der Phase gesungene Lied der Süd, das nun über zehn Minuten wie ein Orkan im Marakana aufbrandete. Ein Lied mit eigener Geschichte: „Volle Tribünen mit verrückten Fans“, so lautet ein Kurvenhit der Delije. Es erzählt von der Ausstrahlung und Kraft einer gesamten Kurve. Die Grobari parodierten einst dieses so legendäre Lied, indem sie es auf sich bezogen und sich damit selbst und ihren Stil charakterisierten: „Tribünen voller hässlicher Fans, wir haben keine Fackeln, stattdessen brennen bei uns nur Wunderkerzen, unsere Trommeln sind kaputt und unsere Lieder sind so furchtbar schlecht. Das sind wir, der Abschaum von der Südtribüne.“ Die Masse tobte. Tausende Fans im minutenlangen Auf und Ab. Hüpfen, Singen, Pogen, wie die Kaputten gestikulierend, Böller, Feuer, nackte Oberkörper. Verschmitzt lächelnd musste ich kurz an unsere klinisch sterilen, sauberen Stadien denken, inklusive der späteren Kommentare in Medien und beim Gutmenschenvolk. Fußball, Alter!

Irgendwann, die Brände waren nicht von der Feuerwehr gelöscht sondern einfach gemächlich ausgelodert, wurde das Spiel fortgesetzt, doch der Zenit war überschritten. Etwas überraschend konnte Roter Stern die Partie mit 1-0 für sich entscheiden, der Jubel der Spieler kannte keine Grenzen und auch die Nord und alle anderen Fans dürften Genugtuung verspürt haben.

Den vermeintlichen Abschluss im Stadion setzten dann die Delije. Ein wie immer perfekt inszeniertes Frage- und Antwort-Spiel lässt nochmals die Wände wackeln. „Groooobaaari – hört ihr uns? – Groooobaaaari, ihr seid die größten Schwuchteln“, so tönt es aus mehr als 10.000 slawischen Kehlen. Hier trifft das inflationär genutzte Wort „brachial“ wirklich noch zu. Doch auf Seiten der Gäste reagiert weder Frust, noch Gleichgültigkeit. Vielmehr rottet sich, nachdem ein Teil der Fans bereits den Rückzug angetreten hat, im unteren Teil des Blockes ein Haufen von 4.000 Leuten zusammen und besingt nun seine Liebe zum Verein. „Und auch wenn du nicht Erster sein solltest, und auch dann, wenn man Pfiffe hört, auch dann sollst du, Partizan, wissen, dass ich dich liebe... „ Die Spieler, die kurz zuvor mit hängenden Köpfen angetrabt und bereits wieder auf dem Weg in die Kabinen waren, geben sich einen Ruck und laufen erneut zur Kurve. Satte zehn Minuten schicken sich Mannschaft und Fans nun die Lieder hinterher. Mal ein Frage-Antwort-Spiel, dann hängen sich die Spieler ein und stimmen einen Gesang an und am Ende, als es kurz still wird und die Zabranjeni einfach weitersingen, schaut die Süd kurz rüber und stimmt kurzerhand mit den Leuten ein, die man vor 120 Minuten noch mit Bengalen beworfen hatte. Verrückt? Balkan!

Mit diesen Szenen und dem Kopf voller eindrucksvoller Bilder verabschiede ich mich aus dem Marakana. In mir die Gewissheit, ein ganz besonderes Derby gesehen zu haben.

P.S.: Der Medientrouble in den Tagen nach dem Derby war gigantisch, aber obligatorisch und eben mit dem üblichen Blabla versehen. Die Strafen des Fußballverbandes lauteten dann wie folgt: Partizan zwei Spiele ohne Zuschauer sowie 10.000 Euro Geldstrafe. Roter Stern muss ein Mal zuhause ohne Zuschauer ran, obendrauf gab‘s 5.000 Euro Geldstrafe. 


 Zwei Spruchband-Erklärungen:

„RUKA RUCI - VI STE TURCI“ links FSS für Fußballverband Serbiens - rechts UCK (in Serbien bezeichnet man sie als albanische Terroristen aus dem Kosovo – im Westen als „Kosovarische Unabhängigkeitsarmee“). Hintergrund: Der serbische Verband versucht unter UEFA-Schirmherrschaft eine Lösung mit dem Kosovarischen Fußballverband zu finden, damit der Kosovo irgendwie an internationalen Begegnungen teilnehmen kann – was sie (der serbische Verband) offiziell negieren. Die Parole ist abgeleitet vom Spruch „Ruka ruci - nismo Turci“, der im Mittelalter entstanden ist - „Hand zur Hand – wir sind keine Türken“, was eine Art nationaler Schwur zum Serben- und zum Christentum und gegen die türkische Okkupation gedacht war.

"Vi ste samo zene u crnom"  - "Ihr seid nur Frauen in Schwarz" bzw. Schwarze Witwen. Ein Wortspiel und nicht ganz einfach zu übersetzen. Ein Spruch mit einiger Doppeldeutigkeit. Einmal bezogen auf die „Schwarzen Frauen“, eine feministische Frauenbewegung in Serbien. Dazu werden als schwarze Witwen auch die Terrorwitwen aus Tschetschenien bezeichnet mit dem Hintergrund, dass Partizan spaßeshalber immer als albanischer/muslimischer /kroatischer Verein bezeichnet wird, weil viele seiner Legenden Kroaten/Moslems/Albaner (Vadilj Vokri – der heutige Präsident des Kosovarischen Verbandes zum Beispiel) waren. Und als Schlusspunkt die Anspielung auf das Derbymotto, dass sich alle in schwarz anziehen sollen, um Macht und Stärke zu beweisen, aber genau an diesem Tag ein Fahnenverlust stattfindet und somit die Parole auf die Aussage: Ihr seid vielmehr "Frauen in Schwarz", als "Männer"... bezogen ist.

 


 

verfasst am 27.11.2013, 05:57

Der Heilige Krieg in KrakauWisla vs. Cracovia (Auszug aus BFU Nr. 32)

187. Aufeinandertreffen im Heiligen Krieg um Krakau, Wisła kontra Cracovia! Die Anhängerschaft von Cracovia, deren Spitzname Pasy ist, was so viel wie „die Gestreiften“ bedeutet, traf sich 12 Uhr auf dem zentralen Marktplatz zwischen Marienkirche und Tuchhalle. Von hier aus gab es einen von der Polizei begleiteten Marsch zum eigenen Stadion, das nur wenige hundert Meter vom heutigen Spielort entfernt liegt. Bestückt mit rot-weiß-gestreiften Fahnen und diversen bengalischen Fackeln zog die Masse über die Blonia-Wiese weiter zum Gästebereich an der Reymonta 22.

Mit Beginn der ersten Halbzeit war der Gästeblock aufgrund der nur langsamen voranschreitenden Kontrollen unvollständig gefüllt. Auf Heimseite wurde eine Wendechoreo präsentiert, die im ersten Bild einen weißen Stern mit den Buchstaben PDW darstellte, das Kürzel steht für „Pozdrowienia do Wiezienia“, was übersetzt bedeutet „Grüße in den Knast“, gefolgt von gewendeten Zetteln, die ebenfalls wieder den Stern zeigten und die Abkürzung WSH für „Wisła Sharks Hooligans“. Ein eindeutiges Zeichen der Loyalität gegenüber denen, die nicht nur mit Fäusten für die Ehre und den Stolz ihres Vereins einstehen.

Zu erwähnen sei auch noch, dass sowohl die Heimkurve als auch der Gästebereich zu mehr als 90 Prozent in schwarz im Block standen. Mittels weißer T-Shirts bildete die Heimseite über die gesamten 90 Minuten die Buchstaben „AJ“ im mittleren Bereich ihrer Tribüne, was die Abneigung zum Todfeind noch einmal untermauerte. Sie stehen für Anty Jude(-Gang), denn Cracovia wird von Wisla meist als jüdischer Verein bezeichnet, was jedoch nur wenig mit der Geschichte des Vereins gemein hat. Cracovia war zu Gründerzeiten ein Verein aus der akademischen Schicht und vielleicht auch deswegen schon damals sehr demokratisch organisiert, wodurch der Verein ohne Barrieren für Menschen aller Herkunft offen war. Einzig die sportlichen Leistungen spielten bei der Aufnahme eine Rolle. Die rot-weißen Streifen sollten die Zugehörigkeit zum polnischen Vaterland untermauern und zeitgleich drängten die Verantwortlichen auf die Gründung eines Polnischen Fußballverbandes hin. Trotzdem blieb der Verein weiterhin offen für alle Nationalitäten und in den eigenen Reihen spielten Engländer, Österreicher, Ungarn und auch Juden. Ohne das es irgendjemanden störte. Damit war Cracovia einer der Pioniere in der hiesigen Landschaft und vielen anderen Verein um Jahrzehnte voraus. Die späteren Verwirrungen und Änderungen, die auch einher gingen mit dem 2. Weltkrieg wären hier der Aufzählung zu viel, doch bis heute hat sich die Mär vom „Judenclub“ gehalten. Diesen Ruf haben die Hooligans der Gestreiften gern angenommen und Cracovias bekannteste Hooligangruppe heißt heute treffenderweise „Jude Gang“. Selbst die Gegenseite untermauert dies und so konnte man vor einiger Zeit auf der offiziellen Website des Stadtrivalen Wisla eine Auswahl bekannter Gesänge nachlesen, bei der auch das Fragment „es fürchten sich vor uns die jüdischen Hunde“ nicht fehlen durfte.

Apropos Hunde. So betitelt Cracovia die Gegenseite. Hund ist in Polen die umgangssprachliche Bezeichnung für die Polizei, ähnlich den Bullen in Deutschland. Wisla, nach dem 2. Weltkrieg vom „Ministerium für innere Sicherheit“ unbenannt und folglich unter deren Schildern spielend, wird auch heute noch als Polizeiverein bezeichnet oder eben einfach nur als Hunde. Passend dazu die Namen zahlreicher Hooligan-Gruppen von Cracovia, angefangen von Dog Hunters über Lowcy Psow („Hundefänger“). Erwähnenswert an dieser Stelle vielleicht noch eine ganz besondere Gruppe, deren Name „Anty Wisla“ bereits für sich spricht und deren Mitglieder ihr einziges und alleiniges Ziel darin sehen, den verhassten Feind auszulöschen.

In Mitte der ersten Hälfte präsentierte die „Mloda Armia Bialej Gwiazdy“, die junge Armee des weißen Sterns, eine kleine Blockfahne mit zwei Haien und der Aufschrift "JAKI OJCIEC - TAKI SYN" übersetzt "Wie der Vater – so der Sohn". Die Gäste blieben in der ersten Hälfte zumeist still, was wohl darauf zurück zu führen ist, dass viele noch nicht im Block waren. Die Einlassprozedur war typischerweise sehr akribisch und von den 2.000 wurden jeweils nur zehn Personen zur Kontrolle vorgelassen, von denen sich wiederum einige genaueren Personalienfeststellungen unterziehen mussten.

Wie üblich wurden über das Spiel verteilt viele beidseitige Nadelstiche verteilt. So machte sich Wisla beispielsweise über einen bekannten Slogan des Rivalen lustig: „Gott vergibt – Cracovia nie: Außer du bist ein Überläufer“. Die Hintergründe sind nicht in wenigen Sätzen zu erklären und eine spezielle Thematik für sich. Vor allem in Krakow, wo sich das Fanleben zwangsläufig nicht mehr nur in und um das Stadion abspielt, sondern ganze Viertel oder Straßenzüge für einen Verein geradestehen und derjenige, der im falschen Viertel wohnt und dort aktiver Anhänger vom falschen Verein ist, irgendwann nicht mehr die besten Karten hat… Den Rest überlassen wir der Fantasie der Leser. Im Gästeblock konterte man mit einer Zaunfahne, die sich über die patriotischen Aktivitäten der Wisla-Szene lustig machte, eben bezugnehmend auf die historische Vergangenheit des Vereins. Lautstark wurde dazu ein Lied mit folgendem Text intoniert: „Sie waren Verräter und jetzt fühlen sie sich als Patrioten. Doch wir wissen, die Wahrheit ist eine andere. Wisla, diese Hure, gehört zur Miliz“.

Überhaupt ist man bei Derbys was die Etikette bei den Gesängen angeht nicht sonderlich zimperlich. Damit sind nicht die auch für Deutschland typischen Schimpfwörter wie Hurensöhne etc. gemeint, sondern es wird oftmals auch tief in Wunden gestochert und ethische oder moralische Grenzen überschritten. Ein Beispiel hierfür ist der Tod von „Czlowiek“, einem Hooligan von Cracovia aus Kreisen der „Jude Gang“ bzw. „Anty Wisla“, der im Alter von 31 Jahren nach einer Hetzjagd über mehrere hundert Meter von seinen Feinden kaltblütig ermordet wurde. Angelehnt an ein bekanntes Kurvenlied „So feiern die Leute hier, wenn Wisla spielt“, ertönt ein „So feiert Czlowiek, wenn eure Hure spielt; ach Czlowiek feiert ja gar nicht, er liegt allein im Grab“. Das ganze natürlich nicht nur von einem 200er Kinderhaufen, sondern teilweise intoniert von 5.000 bis 7.000 Leuten. Auch Lieder mit sehr fragwürdigen Texten, wie „Erst es waren es nur 6, doch dann ganz schnell 12. So wurde ein Schwulen-Klub gegründet; der Verein wächst und entwickelt sich prächtig, denn jeder Jude ist ein Schwuler; es singen die Städte und auch die Dörfer: Die größte Hure ist der Judenclub. Und gleich dahinter, kommt Arka Gdynia, dass sind nicht nur Huren, sondern auch Schweine.“ Polnische Folklore aus einer teilweise auch schon nicht mehr existenten Zeit.

Die zweite Hälfte wurde dann mit einer weiteren Aktion der Heimkurve eingeläutet. Ein Spruchband mit der Aufschrift „PRZEMYSL SWOJE GRZECHY“ sowie einer Blockfahne auf schwarzem Grund in Graustufen. „Denke immer an ihre Sünden“ gibt die Bedeutung des Spruches ungefähr wieder. Gegen Ende dieser Aktion wurden ungeordnet links und rechts der Fahne noch bengalische Fackeln gezündet und komplett auf das Spielfeld geworfen. Der Angriff von Cracovia beziehungsweise das Spielgeschehen wurde erst unterbrochen, nachdem der Torhüter von Wisła den Ball sicher gefangen hatte. Begleitet wurde diese Pyroeinlage von nicht wenigen Pfiffen der anderen Tribünen.

Der Gästebereich hatte sich jetzt zudem auch merklich gefüllt und so wurden die Zaunfahnen der umkämpften Stadtteile Azory, Kurdwanow und Nowa Huta an der Plexiglaswand angebracht. Auch akustisch waren die Gäste nun präsent, wenn auch etwas unkoordiniert, aber das „Tylko Pasy, Tylko Cracovia“ blieb u.a. positiv in Erinnerung. Auch der weiße Stern brachte über beide Halbzeiten eine gute Stimmung ins Stadion, gut und nicht mehr.  Das 187. Aufeinandertreffen endete mit 3:1 für die Gastgeber, deren Stadionsprecher es sich nicht nehmen ließ, nach Abpfiff „Time to say goodbye“ durch die Lautsprecher zu jagen, was das Publikum zu einem monumentalen Winken Richtung Gästeblock animierte.

Was sich noch im weiteren Verlauf des Abends in den Stadtteilen und Vierteln abspielte, blieb im Verborgenen. Krakow – selbst für polnische Verhältnisse eine „kranke Stadt“, wo Messer und Waffen quasi erlaubt sind – ist bekanntlich nicht von diesem Tag des Derbys abhängig. Streifzüge (beliebt ist es bspw. mit einem abgedunkelten Neuner in ein feindliches Gebiet einzudringen, bei einer Ansammlung von jungen Menschen eine Vollbremsung hinzulegen und dann die Kräfte walten zu lassen), große und kleine Überfälle gehören hier zum Alltag. Ein Alltag mit eigenen Regeln und Wertvorstellungen.

Nachtrag: Neben einer Geldstrafe musste Wisla Krakow die folgenden zwei Heimspiele vor leeren Rängen bzw. vor einem leeren Fanblock austragen. Das erste Spiel nutzten etliche Wisla-Anhänger, um das Spiel in ihrer Stadionnahen Kneipe zu verfolgen. Ebenso wurde zahlreiche Raketen und andere Feuerwerkskörper von draußen in Richtung Spielfeld geschossen. Die Polizei nutzte das für einen Großeinsatz und nahm die Personalien von über 400 Personen auf, die nun alle mehrjährige Stadionverbote erhalten.

Ihr Warenkorb ist leer.

Willkommen zurück!

E-Mail-Adresse:

Passwort:

Passwort vergessen?


Interview ULTRAS EAGLES - Raja Casablanca english version (Blickfang Ultra Nr. 27)


Der Heilige Krieg in Krakau Wisla vs. Cracovia (Auszug aus BFU Nr. 32)


Stadtderby in Belgrad Erschienen in Blickfang Ultra Nr. 30

Stadtderby in Belgrad. Jedem Leser fällt da auf Anhieb bestimmt etwas zu ein. „Boah, geil.“, „Pyyyrooo“, „Hass total“ oder so was wie „Da geht’s richtig ab“ dürften so die ersten Worte sein, die dem Interessierten aus Deutschland beim Gedanken an das


LESEPROBE - IM NORDEN DES SÜDENS von Ted Striker

Eingefleischte Kenner und Fanzineleser schnalzen nun sofort mit der Zunge. Martin Czikowski aka Ted Striker ist wieder da!


Es ist soweit: BFU endlich im Abo!

Die Anfragen häufen sich und ihr bestätigt es somit immer wieder aufs Neue: Unsere treuen Leser gieren förmlich nach einem regelmäßigen Bezug des BFU.