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LESEPROBE - KS RUCH CHORZOWaus Pseudokibicow Nr. 6

Auszug: Szenevorstellung KS RUCH CHORZOW
Die zwei größten Feinde
GKS Katowice – Mit einem Lachen auf den Lippen erinnert sich jeder altgediente Chorzower an die Anfänge der Katowicer Fanbewegung. Doch lustig ist die heutige Situation keinesfalls mehr. Die Zeiten haben sich geändert und GKS ist längst zu einer ernstzunehmenden Szene gewachsen. Noch in den 80iger Jahren war es still um GKS. Eine richtige Szene gab es nicht, wenn dann bestand sie aus paar normalen Fans jüngeren Alters. Gewachsene Strukturen, wie sie in Zabrze, Bytom oder Chorzow zu finden waren, suchte man in Katowice vergebens. Doch gleichzeitig mit dem sportlichen Niedergang von Ruch und einer dortigen Krise auf den Tribünen, spielte GKS plötzlich erfolgreichen Fußball und mehr und mehr aktive Fans fanden den Weg an die ulica Bukowa. Ruch schaute dem Treiben beinahe apathisch zu, war (warum auch immer) nicht in der Lage dem Treiben Einhalt zu gebieten und dem Geschehen ein Ende zu setzen. Zur damaligen Zeit war der Großteil von Katowice noch in der Hand von Ruch. Große Stadtteile wie Piotrkowice, Brynow oder Ligota konnten nicht gehalten werden. Es reichte eine Generation, um die alten Farben komplett auszulöschen und gegen die neuen auszutauschen. Ein wichtiger Grund war die damalige Verhaftung von „W.“, der ganz Ruch aus diesen Stadtteilen zusammenhielt und regierte. GKS nutzte dies alles clever aus und irgendwann war von den einstigen Bastionen nicht mehr viel übrig geblieben. Lediglich Szopienice und Nikiszowice blieben dem „blauen R“ treu. Bei den Derbies in den 80iger Jahren herrschte für heutige Verhältnisse in ein unvorstellbares Bild. Ruch nahm meist die komplette Gegengerade ein, während sich die wenigen Katowicer irgendeine Ecke in ihrem Stadion suchten. Es kam auch nur selten zu Schlachten oder irgendwelchen Kämpfen unter der Woche, denn von GKS war einfach nie jemand da... Anfang der 90iger gab es sogar zwischen beiden Szenen einen Waffenstillstand und hin und wieder gemeinsame Aktionen. In einem Pokalfinale zwischen GKS und Legia in Piotrkow Trybunalski (Nähe Lodz) bekam GKS Unterstützung von 30 Ruchfans. Das definitive Ende der Beziehungen folgte im Jahr 1993. Nachdem das Spiel Zabrze vs. GKS wegen Schneefalls abgesagt wurde, fuhr man kurzerhand zu Ruch vs. Pogon, wo die Katowicer direkt angegriffen und übelst vermöbelt wurde. Von da an war Schluss mit dem Waffenstillstand und die Geschichte nahm ihren Lauf.
KS Gornik Zabrze – Zabrze gilt als der Feind überhaupt. Zurückzuführen ist dies vor allem auf die Zeiten, in denen die Mannschaften beider Vereine noch großartigen Fußball spielten und sich auch auf dem Rasen erbitterte Kämpfe lieferten. Hinzu kommt natürlich auch noch, dass beide Vereine die größten Gefolgschaften in Schlesien hinter sich wissen und beinahe in jeder noch so kleinen Stadt präsent sind. Dadurch kommt es auch hier oft zu Aufeinandertreffen, nicht nur an Spieltagen. Als gutes Beispiel dient hier die zusammengewürfelte Großstadt Ruda Slaska, die in mehrere Gebiete aufgeteilt ist, in denen sich beide Lager täglich bekriegen. Ruch hat in diesem Kampf bereits zwei Fans verloren, Remik und Rajmund. Letzterer wurde bei einem Angriff durch eine Rakete so schwer verletzt, dass er später im Krankenhaus daran starb. Seitdem ist die ohnehin schön große Rivalität kaum noch in Worte zu fassen, der Hass ins unermessliche gestiegen. Bis heute boykottiert Ruch sämtliche Derbies bei denen Gornik dass Heimrecht geniesst. Man möchte nichts mit diesem Abschaum zu tun haben, so die Meinung der Szene, auch um den beiden Getöteten Ruchfans auf diese Art zu gedenken und sie zu ehren.
Hooligan-Gruppen
Die ersten Anzeichen einer Hooligangruppe kamen in Chorzow bereits in den 80iger Jahren auf. Natürlich war die Aktivität und auch die Professionalität nicht mit den Pendants in der heutigen Zeit vergleichbar, dennoch war die Organisation bereits zu dieser Zeit außerordentlich gut. Während heute diverse Personenkreise aus verschiedenen Stadtteilen und Orten zusammenfinden, schlossen sich damals lediglich Freunde aus der selben Gegend zusammen. Als die besten Banden galten Ligota & Mikolow, sowie Swietochlowice & Chorzow. Ihr Hauptbetätigungsfeld waren wöchentliche Aktionen auf Gornik Zabrze, besonders in der umkämpften Stadt Ruda Slaska. Beide Gruppen (jeweils um die 30 Personen stark) machten jeweils ihr eigenes Ding, vereinten sich aber bei Auswärtsfahrten zu einer Gruppe. Mitte der 90iger Jahre wurde dann beschlossen sämtliche Kräfte in einer elitären Gruppe zu bündeln. So entstand die auch heute noch sehr bekannte Bande der PSYCHOFANS. Zu Beginn zählte die Gruppe um die 60 Mitglieder, die Führungsleute kamen aus Chorzow, Swietochlowiece und Siemanowice. Die erste legendäre Zaunfahne entstand, ohne die praktisch keine Auswärtsfahrt angetreten wurde, ehe sie irgendwann durch eine neue, sowie eine Auswärtsfahne ersetzt wurde. Seit dieser Zeit wuchs die Anzahl der Psychofans rasant an. Heute kann man auf eine Bande von gut 200 Leuten zurückgreifen, nicht mit eingerechnet diejenigen, auf die man sowieso immer zählen kann. Laut einer Führungsperson sei die Gruppe in der Lage innerhalb einer Stunde einen 60köpfigen Knaller-Mob auf die Beine zu stellen, was selbst bei anderen guten Gruppe für viel Respekt sorgt. Im Jahr 2004 kam es zu einer großen Aktion gegen GKS Katowice, die mit drei Bussen auf dem Weg zu einem Spiel ihrer von Freunde von Banik Ostrava waren. Ruch attackierte GKS auf dem Parkplatz eines großen Supermarktes und musste ordentlich einstecken. Als GKS abends wieder aus Tschechien zurückkehrte wartete Ruch erneut, diesmal jedoch mit 200 Leuten... Später folgte das legendäre Spiel gegen LKS Lodz, welches in der 55.Minute abgebrochen werden musste. Diese Begegnung ließ das Blut brodeln, denn Ruch verlor danach sehr viele Leute, die verhaftet wurden und einige Monate im Knast saßen. Die Ermittlungen der Polizei dauerten noch lange, lange an und ziehen sich bis heute hin. Dadurch hatte die Szene einige ernsthafte Probleme, wobei das Standing innerhalb Schlesien trotz allem nicht angekratzt werden konnte, was für das unheimlich riesige Potential bei Ruch spricht. Zur selben Zeit, als sich die PSYCHOFANS gründete, formierte sich eine weitere Bande. „Organizacja Antykatowicka“ (kurz OAK, auf dt. Organsation Anti-Katowice), mit ausschliesslich Mitgliedern aus Siemanowice. Ihr Name ist bereits selbstredend – ihr Ziel war ausschließlich in der Vernichtung von GKS definiert. Ein Großteil der Gruppe musste nach dem Spiel gegen LKS Lodz vorerst aufgeben, so dass die Aktivitäten der OAK aktuell auf Eis gelegt sind. Des weiteren existiert noch eine jüngere Gruppe, „Mloda Chuliganeria“ aus dem Örtchen Radlin, sowie die „Ekipa Remontowa“ aus Myslowice. Beide Truppen haben ihre eigenen Zaunfahne, wobei letztere Fahne als eine der besten, welche jemals in Chorzow existierte angesehen wird.
Interview mit „Frontal“ (PSYCHOFANS KS RUCH)
Wie lang bist du jetzt schon bei Ruch dabei?
Mindestens 13 Jahre, wobei ich nie so richtig nachgezählt habe. Zu meinem ersten Spiel hat mich nicht mein Vater mitgenommen, sondern die Jungs aus meinem Block in Katowice.
Du bist ja schon seit einigen Jahren Mitglied der „PSYCHOFANS“. Gibt’s bei euch noch Personen, die von Beginn an dabei sind?
Falsch, in der Gruppe bin ich nicht seit einigen Jahren, sondern seit Beginn an! Ich war einer der Mitbegründer, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung war. Meine engsten Kollegen und ich waren es auch, welche die erste Zaunfahne der „PF“ (die mit den ganz einfachen Buchstaben) gemalt haben, nachdem wir irgendwo den Stoff dafür „besorgt“ hatten. Allgemein sind noch sehr viele Jungs aus der Anfangszeit, trotz ihres mittlerweile hohen Alters dabei. Natürlich gibt es auch Ausnahmen und einige Leute, die z.B. „Dz.“, die mal die Führung in der Gruppe inne hatten, gehen heute gar nicht mehr zu Ruch. Warum sollte es auch hier anders sein als im „normalen“ Leben? Einige haben irgendwann genug und vergessen ihre alte Lebenseinstellung, andere bleiben bis in die Ewigkeit dabei.
Welche Ausschreitungen sind dir bis heute noch am besten im Gedächtnis hängen geblieben?
Na welche wohl? Selbstverständlich die Randale gegen LKS! Als wir den Platz stürmten, dachte ich wir machen dass eh nur aus Spaß. Rennen bisschen übers Feld, solang bis die Polizei kommt und uns wieder verjagt. Wie wir aber alle wissen, blieb es doch nicht bei dieser „Showeinlage“, denn plötzlich waren mehr Leute auf dem Spielfeld, als auf den Tribünen. Was für ein genialer Anblick.
Was meinst du, welcher Mob war in eurer Geschichte der bisher beste, vor allem quantitativ?
Definitiv der vor einigen Monaten beim abgemachten Match gegen Lech. Insgesamt waren wir etwas über 300 Leute, aber wirklich richtig gute Leute. Bei Lech konnte man auch sehen, dass sie die Creme de la Creme ihrer Bande aufgestellt hatten. Schade, dass wir den Kampf gegen die gleiche Anzahl von Lech verloren haben. Trotzdem, der Mob war der bislang beste in unserer Geschichte.
Woher rührt eigentlich eure Rivalität zu Lech Poznan? Vor noch nicht allzu langer Zeit verband euch noch ein Waffenstillstand und bei eurem UEFA-Cup-Spiel gegen Inter Mailand hing sogar die legendäre „Kolejorz“-Flagge auf eurer Seite...
Naja, dass war die Zeit, in der ich noch sehr jung war. Ich war zwar schon Mitglied bei den „PF“, hatte aber noch nicht soviel zu sagen, wie heute. Die Kontakte entstanden durch unsere Alten aus der Gruppe, welche wiederum sehr gut mit den Alten von Lech („Brydada Banici“ ) konnten. Wir Jungen der PSYCHOFANS mochten die Jungen von Lech („Young Freaks“) aber überhaupt nicht, und so war schon damals klar, dass irgendwann, wenn wir an der Macht sind, der Waffenstillstand sofort aufgelöst wird. Und so kam es dann ja auch. Außerdem wurde uns später deutlich, dass Lech sehr daran gelegen war einen guten Freund in Schlesien in der Hinterhand zu haben. Vorrangig betraf dies die Länderspiele, welche ja alle im Nationalstadion in Chorzow ausgetragen wurde und Lech zusammen mit Cracovia & Arka ja im totalen Krieg mit dem restlichen Szenen aus ganz Polen stand. Ein solches Länderspiel zu verpassen und sich nicht zu zeigen, kam ihnen wie eine Niederlage gleich. So aber hatten sie uns im Rücken, auch wenn das vor allem Cracovia überhaupt nicht gefiel.
Gibt es eine Dekade in eurer Geschichte, welche du als etwas besonderes empfindest?
Eigentlich nicht, denn irgendwie halten wir immer unser Niveau. Ständig kommen neue, frische Jungs in die Gruppe. Man kann eben schwer sagen, dass es bestimmte Phasen gab in denen die Gruppe besser war, als zu anderen Phasen, weil die Bedingungen sich von Jahr zu Jahr ändern. Vor einem Jahrzehnt hat doch noch gar keine an Kraftsport oder andere Kampfsportarten gedacht. Heute ist das die Regel und wer sich nicht beteiligt hat es sehr schwer und kann gar nicht mehr mithalten.
Wie bewertest du das neue Bündnis zwischen Katowice & Zabrze?
Weißt du, ganz lässig gesagt ist dass doch deren Sachen. Wenn sie sich so gut verstehen, sollen sie halt mal machen. Für mich ist dies lediglich ein Bündnis gegen Ruch, welches in unseren Reihen wiederum für eine organartige Mobilisation sorgte, denn jeder weiß jetzt noch besser, dass man rund um die Uhr wachsein sein und noch mehr zusammenhalten muss. Vielleicht also gar nicht so übel, denn so sind wir sogar noch stärker geworden. Sollten das Bündnis irgendwann wieder in die Brüche gehen, oder sie sich irgendwann gegenseitig nicht stützen können, dann werden wir zuschlagen und den Moment für uns ausnutzen.
Als Konsequenz des Bündnisses zwischen GKS & Zabrze habt ihr einen Waffenstillstand mit Polonia Bytom verabredet. Gab es da keine Skrupel sich auf so etwas einzulassen, immerhin seid ihr für Polonia doch der Feind Nummer 1?
Ach Quatsch. Weder von einem Bündnis noch eine Art Waffenstillstand mit Polonia kann nicht die Rede sein. Zumindest nicht in dem Verständnis, wie Gornik & GKS. Wir attackieren uns einfach gegenseitig nicht. Nur wurden wir, also Polonia und Ruch durch die Verbrüderung bei beiden anderen Großen quasi „allein gelassen“, was zur Folge hatten, dass der Respekt beider Seiten auf die jeweils andere anwuchs. Guck dir Oberschlesien doch jetzt mal an. Nach einer kurzzeitigen Panik ist es doch so, wie es immer war, nur dass die beiden neuen Freunde eben öfter dir das Leben schwer machen könnten.
Gibt es im Kampf gegen GKS Katowice irgendwelche Regeln, d.h. wird der „Anti-Waffen-Pakt“ den ja 95% aller polnischen Szenen unterzeichnet haben auch von euch beherzigt oder geht’s dort wirklich aufs Ganze?
Ein Kampf ohne Waffen ist derzeit undenkbar. Es gibt keine Regeln! Was in den einzelnen Stadtvierteln jeden Tag abgeht könnt ihr gar nicht begreifen. Wir bekommen eigentlich jeden Tag Informationen, dass es in verschiedenen „Pro Ruch“, oder „Pro GKS“-Vierteln wieder scharfe Kämpfe gegeben hat. Mit Waffen, mit üblen Waffen sogar. Glaub mir, all die Ereignisse oder Aktionen, die hin und wieder in Heften oder in Foren niedergeschrieben werden sind wirklich nur die Spitze des Eisberges.
Woher rührt dieser Kampf mit Waffen?
Hmm, mit Zabrze kämpfen wir seit eh und je mit Waffen. Für Zabrze gibt es weder Respekt noch einen „ermäßigten Tarif“. Es gab ihn nie und es wird ihn auch nie geben. Mit GKS war es eigentlich ganz anders. Es wurde ganz fair mit blanken Fäusten gekämpft. Eine Art gegenseitiger Respekt, trotz allergrößtem Hass. Irgendwann gabs von uns aber mal einen Angriff auf einen ihrer Busse. GKS kam uns mit Waffen entgegen, zerstörte unsere Autos und ab da an war Schluss mit lustig. Außerdem kannst du niemals auf alle Fans und alle Viertel aufpassen. In jeder Szene gibt’s immer mal wieder einen Idioten, der plötzlich mit unfairen Mitteln attackiert, was dann natürlich immer auf dessen Szene zurückfällt. Du kannst also für dass, was passiert niemals die ganze Verantwortung übernehmen, besonders nicht in einem Gebiet wie Oberschlesien, wo sich die Stadtviertel täglich bekriegen, und das meist ohne Einfluss oder Beteiligung der wirklich „guten Leute“ aus Gruppen wie bspw. der unsrigen.
Wie schaut denn die Situation bei dir im Stadtviertel aus?
Mein Viertel „Tauzen“ (Stadtteil „1000jähriges“) ist neben dem Stadtteil Witosa eines der größten Neubaugebiete in Katowice. „Oberes Tauzen“ liegt recht nah am Nationalstadion, „Niederes Tauzen“ dagegen eher in Richtung GKS-Ground. Allgemein ist in „Oberes Tauzen“ schon GKS eher präsent, wenngleich auch mehr im Hinblick auf die Anzahl. Wir haben zwischen ihnen quasi eine Art Insel. Ein einziger Block, in dem wir wohnen, wobei die Leute ausreichen, um sich gegenüber GieKSa zu verteidigen und sie ggf. auch zu verjagen. GKS ist besser aufgestellt in den Blöcken die nah an ihrem Stadion liegen, dort sind sie wirklich eine Macht. In unserem Gebiet, welches ja wirklich fast an Chorzow grenzt, sind sie lediglich in der Überzahl.
Das gesamte Interview und noch viel mehr, u.a. über die einzelnen Stadtteile in Katowice, samt zahlreicher weiterer Spielberichte und Informationen aus Polen, findet ihr in PSEUDOKIBICOW Nr. 6!
verfasst am 08.08.2012, 05:29