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LESEPROBE - IM NORDEN DES SÜDENSvon Ted Striker

Leseprobe: IM NORDEN DES SÜDENS von TED STRIKER

Montagmorgen. Die zurückliegenden Stunden verschafften mir kein ausgeschlafenes Gefühl. Aufgeregt wie ein kleines Kind in der Nacht vor dem Heiligabend, hatte ich mich bestenfalls dösend im Bett hin und her gewälzt. Es war aber weder das Bett in meiner Berliner Wohnung noch in meinem Greifswalder Jugendzimmer. Das Bett stand im Zimmer 22 des Hotels Plazamar in Macuto. Macuto in Venezuela. Und das Abenteuer Südamerika stand bevor.

Im Badezimmer spritze ich mich kurz mit Wasser ab, warf mein Sommerreisegewand an und begab mich die Treppen hinunter, um in die Wirklichkeit hinauszutreten. Die Schwüle erfasste meinen Körper sofort. So ein äquatornaher Sommertag war schon etwas anderes als ein Ostseestrandtag im August. Aber auch die mich umgebende Kulisse musste erst einmal verarbeitet werden. Vor mir lag der, wörtlich übersetzt, Platz der Tauben, auf dem eine Vielzahl der namensgebenden Ratten der Lüfte ihr Revier abschritten. Mit dem Charme des Abgenutzten präsentierte sich das zentralgelegene Areal. Vom Zustand der Bausubstanz her ergaben sich schnell Parallelen zu bedeutungsgleichen Versammlungsorten in den ehemals sozialistischen Ländern östlich der Oder. Nur war der Anstrich hier nicht stringent in grau gehalten, sondern es buhlten verschiedene warme Farben um die Gunst des Betrachters. Südlich vom Taubenplatz und Macuto erhoben sich dichtbewaldet die ersten Gipfel des Avila-Massivs, welches das beschauliche Badeortleben des Küstenbundesstaates Vargas von der Hektik der venezolanischen Hauptstadt Caracas trennte. Nördlich von meinem Standpunkt präsentierte sich mit der Illusion der Unendlichkeit das karibische Meer.

Der Strand wurde von eifrigen Händen um die reichlichen Hinterlassenschaften der Wochenendgäste erleichtert. Die Ruhe nach dem Badesturm war allgegenwärtig. Der Montag war auch hier ein Werktag – nur vereinzelt okkupierten braun gebrannte Körper den feinkörnigen Sand oder entluden ihren infantilen Spieltrieb im türkis schimmernden Nass. Tauschte ich Pelikane mit Möwen und Venezolaner mit Sachsen, so war mir Caracas’ Badewanne vertraut wie die heimische Ostsee.

Die Schönheit des Moments wurde aber jäh vom Hämmern des Organisationssinnes erschlagen; galt es doch die Weiterreise zu finalisieren. Wie es seit jeher auf meinen Reisen gewesen war, war die Planung auch hier zeitlich auf Kante genäht – Ruhepausen oder Erholung, gemeinhin auch als Urlaub bekannt, waren rar gesät. So hatte ich zwar für mein dreitägiges Anden-Gastspiel bereits im Vorhinein und digital eine famos wirkende Unterkunft gebucht. Aber unglücklicherweise glich die Anfahrtsbeschreibung einer Schatzkarte ohne Ziel-X, so dass ich meine derzeitige Herbergsmutter bitten musste, die beinahe angestaubteste Art der Telekommunikation zu nutzen und meinen zukünftigen Herbergsvater anzurufen. Nachdem mir Giovanna nun zwar eine neue Schatzkarte mit X, aber leider mit unvollständiger Strichellinie gab, erklärte sie mir noch den Weg zur Straße, der von den Bussen gen Caracas passiert wurde und wir verabschiedeten uns.

Beim Anblick der vorbeirauschenden Autos erkannte ich schnell, dass ein Gegenstück zum teutonischen TÜV in Venezuela nicht existent war. Alles, was vier oder gegebenenfalls mehr Räder hatte und Sprit vertrug, war Bestandteil des hiesigen Straßenverkehrs, und nicht nur einmal bildete ich mir ein, dass der wahrhaftige 72er Plymouth von Al Bundy an mir vorbei brummte. Zwei von drei Kisten hatten noch in den 70er Jahren des letzten Jahrtausends die Rollbänder von Detroit verlassen und tuckerten oder knatterten seither mit wenig Wartung, aber viel Liebe über die hiesigen Teerdecken. Bei der Hubraumgröße der Straßenkreuzer würden deutsche Nutzer schon beim Leerlauf Tränen des finanziellen Ruins verlieren. Unter der Ägide Chavez’ war das Motoren-Elixier stark subventioniert, und bei Preisen von zwei Cent pro Liter war der Benzinverbrauch zwar interessant, aber letztlich irrelevant.

Die Kleinbusse, die hier das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs bildeten, stachen aus der Masse des mobilen Rostes heraus. Und das nicht, weil sie etwa noch weniger Wartung genossen hatten, sondern sich augenscheinlich noch mehr Liebe, nein, Leidenschaft erfreuen durften. Die kunterbunten Busse waren ein Spiegelbild des jeweiligen Charakters ihrer Lenker. Nachdem ich zunächst dachte, dass sich der Mannschaftsbus vom FC Barcelona verfahren hätte – ein ganz in blau und rot lackiertes und mit Spielernamen verziertes Gefährt kreuzte mein Blickfeld – staunte ich schon wenig später über das gelb-blau-rote sowie Unabhängigkeit und Freiheit verkündende Bolivar-Mobil.

An den Steilhängen des Küstenstreifens sprossen die Barrios. Was provisorisch gedacht war, wurde langfristig genutzt; entweder bis die Politik oder die Natur ihnen ein Ende bereitete. Letztmalig kam es nur drei Monate zuvor zu heftigen Niederschlägen, die Schlammlawinen und Hangrutschungen nach sich zogen. Die entvölkerten Schneisen zeugten noch von den Folgen des Unwetters. Dann durchschnitt die Autobahn das Avila-Massiv. Wenigstens hier behielt die Natur die Oberhand. Aber dann, noch bevor ein Ortseingangsschild oder andere Zeichen das caracas’sche Hoheitsgebiet offiziell verkünden konnten, frästen sich schon wieder die Barrios ins Grün und schufen vollendete Tatsachen.

Kurze Zeit später endete meine Fahrt an der ersten Metrostation Garto Negro. Selbst am frühen Nachmittag war diese Gegend nicht der einladendste Willkommensgruß für ausländische Reisende wie mich; vor allem, wenn man der Einzige war. Während ich mein blondes Haar noch mehr oder weniger erfolgreich durch eine Mütze verbergen konnte, verhinderte meine blasse Haut jegliche Versuche der Integration und Assimilation, so dass ich mich nun schon darauf einstellen konnte, dass unbeobachtete und -bemerkte Momente in naher Zukunft selten sein dürften.

In der Metrostation scheiterte mein Versuch des Weißfahrens, da das Luder von Fahrkartenautomat meine Münzen nicht schlucken wollte. Erst nach Intervention bei der Stationsherrin, die mein Schwarzfahren mit einem Lächeln legitimierte, konnte ich meine Fahrt zum privaten Busbahnhof Peli Express fortsetzen. Dort hatte ich dann Glück im Unglück – zwar hatte ich schnell eine Fahrkarte nach Merida, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, in der Tasche, jedoch sollte sich die Abfahrt noch sieben Stunden hinauszögern. Die erste halbe Stunde verging recht fix; mein Magen bekam seine venezolanische Premiere – Empanada, Teigtaschen mit Käsefüllung – von mir serviert. Erst mit Minute 31 begann ich zu realisieren, dass noch 389 weitere folgen sollten. Ganz langsam wagte ich mich aus der vermeintlichen Sicherheit des Warteraums ins Leben – wie der Klassenprimus beim Abiball stand ich abseits der Geselligkeit beobachtend an der Straße, immer in Sichtweite zum bewaffneten Wachmann. Die medial geimpfte Angst und der Sicherheitsgedanke hatten mich vollständig annektiert; aber so durfte es auch nicht weitergehen. Wie dödelig war ich geworden, ich wollte meine Reise doch nicht damit verbringen, einem Satelliten gleich, um Schutzbefohlene zu kreisen. Es war hell, die Straßen belebt – rein ins Getümmel!

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Mit einem Mal stoppte unser Express. An einen Beweis dafür, dass unser Mobil doch über Bremsen verfügte, hatte ich gar nicht mehr geglaubt. Inmitten von Baumriesen befand sich ein fahl erleuchtetes Anwesen. Fragend guckend drehte ich mich zu meinem Nachbarn, der mir erklärte, dass unsere Besatzung hier schlafen und auf die Öffnung des Iwokrama-Schutzgebiets warten würde. Mein Körper jubelte – endlich Stillstand, endlich Ruhe. Die vergangenen Stunden waren ein schmerzhafter Höllentrip sondergleichen. Ich konnte mich nicht erinnern, bei einer Reise jemals solche Qualen durchlebt, einen Stopp so herbeigesehnt zu haben. Vielleicht lag es am Altern, vielleicht am fortschreitenden Hang zur Bequemlichkeit, auch wenn diese verhältnismäßig kümmerlich ausgeprägt war, aber diese Etappe zeigte mir meine Grenzen auf.

An einer Art Rezeption konnte für zwei Euro eine Hängematte geliehen werden, die dann in einem hölzernen Pavillon gespannt wurde. An Schlafen war zunächst nicht zu denken, da einer der sechs Brasilianer aus unserer Gruppe ohne Rücksicht auf musikalische Mindeststandards mit der MP3-Funktion seines Handys DJ spielte. Kaum hatte sich der Schlagerterror gelegt, die Geräuschlosigkeit für einen kurzen Moment obsiegt und sich meine Augenlider geschlossen, da nahte das Heulen eines Motors. Benommen von der Müdigkeit sah ich verschwommen, wie der Konkurrenzbus aus Lethem auf dem Parkplatz ankam. Als die Schiebetür sich öffnete, entstiegen weiße Ordensschwestern sowie ein weißer Mann. Meine Akkus waren scheinbar völlig ausgelaugt, ich musste dringend schlafen.

Vier Uhr in der Früh spürte ich einen Stupser. Aufstehen, Zähne putzen und Platz nehmen, die Hast ging weiter. Der Viertakter wurde mit hohen Drehzahlen auf Betriebstemperatur gebracht, die Achsen wurden gepeinigt wie am Vorabend. Entgegen dem behutsamen Wecken, teilte unser Fahrer nun Stöße aus. Links, rechts, rechts, links – wie ein angeknockter Boxer taumelte ich mit meinem Torso auf meinem Sitz. Langsam erhellte sich der Horizont, erhöhte  die Sichtbarkeit der Kulisse, aber nicht das Sicherheitsgefühl. Wir waren gefangen vom Wald. Vom Wald, der die rostig färbende Fahrbahn eng begrenzte. Die stoische Ruhe, mit der unser Steuermann sein Handwerk ausführte, war mir nicht gegeben. Bei unserer Geschwindigkeit  hätte eine verhängnisvolle Unebenheit gereicht, um uns einem Stamm näherzubringen.

Auch meinem Magen bekam das Gerüttel gar nicht gut. Es musste etwas raus, zwar nicht oben, aber unten. Bevor ich meinen Haltewunsch formulieren, den Forst als Klo nutzen und düngen konnte, bremsten wir für die Einlassschranke zum Iwokrama-Schutzgebiet ab. Während die bewaffneten Ranger unser Gefährt unter die Lupe nahmen, lief ich mit Toilettenpapier zum nahestehenden Plumpsklo. Das T-Shirt riss ich mir über die Nase um mich vor der fiesen Duftwolke innerhalb des holzummantelten Quadratmeters zu schützen. In Ruhe und mit Zeitung in den Händen vollrichtete hier mit Gewissheit niemand sein Geschäft. Erleichtert schlenderte ich zurück und begab mich auf die Rückbank.

Das Teilstück durch das Iwokrama-Schutzgebiet war nachts gesperrt, und die Zugänge wurden überwacht. Der Schutz kam nicht von ungefähr. Wir befanden uns nun innerhalb eines der letzten vier unberührten Tropenwälder dieser Welt. Dies bedeutete aber nicht, dass die Tachonadel nicht gleich wieder am Anschlag war. Mit unverminderten Gaspedaldruck schossen wir über den matschiger werdenden Untergrund. Aus der Trockenzeit wurden wir wieder in den Regen katapultiert.

Auf dem 72 Kilometer langen Iwokrama-Abschnitt kam ich erstmals mit meinen Sitznachbarn ins Gespräch; der Sohn und sein Erzeuger waren Guyaner, die mit ihrer europäischen Abstammung zur hiesigen Minderheit gehörten. Die Strapazen der Strecke steckten beide äußerlich besser weg, begründeten dies dadurch, dass sie oft zwischen Lethem und Georgetown pendelten und Gewöhnung irgendwann einsetzte. Der Vater berichtete, dass in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Bau der Georgetown-Lethem Road begonnen wurde. Oder besser gesagt mit dem Schlagen der Schneise in den Wald und deren Ebnung. Auf die weiter vorne platzierten und sich lautstark unterhaltenden Brasilianer war er gar nicht gut zu sprechen. Wie der Guide schon in der Lodge meinte, kamen immer mehr nach Guyana, um sich Schürfrechte für die Goldsuche zu sichern. Jedoch war der Anteil dieser Einnahmen, der an die Bevölkerung weitergeleitet wurde, klein, die Geldbörsen von verschiedenen Amtsinhabern groß. Dieser Aspekt war aber nicht ausschlaggebend für die Einschätzung des Guyaners. Wir waren in Südamerika, Wunder erwartete hier kaum jemand. Es war das Verhalten der Eindringlinge aus dem nahen Riesenstaat: arrogant, überheblich und selbstgefällig. Mit der Überzeugung, ihre Herkunft sei etwas Besseres, stolzierten sie durch den Tag und gaben sich so, als ob Ihnen die Welt gehörte und nur ihnen allein zur Verfügung stünde. Rücksichtnahme war nicht vorhanden: Lautstark wurde gequatscht und Musik gehört. Später, als wir an einer Raststätte hielten, war die Schlange für sie inexistent. Weder die Einheimischen noch ich wurden beachtet. Ohne eine äußerliche Regung wurde vorgedrängelt und bestellt. Und auch der politische Einfluss sollte wachsen; die Brasilianer hatten angeboten, die Verbindung zur guyanischen Hauptstadt zu asphaltieren, was bislang aber in Georgetown abgelehnt wurde. Die Angst vor einer schleichenden Übernahme des eigenen Staates war beträchtlich.

verfasst am 08.08.2012, 05:29

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