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Stadtderby in BelgradErschienen in Blickfang Ultra Nr. 30

Stadtderby in Belgrad

Stadtderby in Belgrad. Jedem Leser fällt da auf Anhieb bestimmt etwas zu ein. „Boah, geil.“, „Pyyyrooo“, „Hass total“ oder so was wie „Da geht’s richtig ab“ dürften so die ersten Worte sein, die dem Interessierten aus Deutschland beim Gedanken an das „Ewige Derby“ durch den Kopf schießen. Tatsächlich steht hinter dem Spiel aber weitaus mehr. Mehr als nur volle Kurven, laute Gesänge und extreme Pyroshows.

Autor: Mirko Otto
Bilder: Markus Stapke

Derbi je derbi. Zvezda je zivot. Ostalo su sitnice

Tatsächlich hat das Stadtderby in Belgrad nämlich seine ganz eigene Kultur, ja vielleicht eine eigene Philosophie. „Derbi je derbi. Zvezda je zivot. Ostalo su sitnice - Ein Derby ist ein Derby. Der Stern ist das Leben. Alles andere sind Nebensächlichkeiten“, so begrüßt mich einer meiner serbischen Freunde und schickt schnell noch hinterher, dass „es in Europa wohl fast kein Pendant mit so einer bedeutungsvollen und in der Bevölkerung anerkannten Geschichte dazu gibt“. Da klingt, genau wie die späteren Gesänge, wie Musik in meinen Ohren.

Was dieses Derby so einzigartig macht, ist grundsätzlich die Tatsache, dass man Serbien an diesem Tag grob in zwei Lager teilen kann. 90% des Landes halten an diesem Tag einem dieser beiden Vereine die Daumen, was es in dieser Hinsicht in keinem anderen Land in Europa in dieser Intensität gibt. Der Grund hierfür ist sicherlich, dass früher Jugoslawien eine große Liga hatte und Roter Stern und Partizan große Vereine waren, wohingegen viele heutige Erstligisten in Serbien nicht einmal ansatzweise an Liga 1 schnüffeln konnten. Dazu kommt auch, dass beide Klubs medial sehr stark forciert wurden und man eigentlich von klein auf gar nicht an den beiden vorbeikommt. So ist also nicht nur am eigentlichen Spielort in Belgrad die Luft am Kochen, sondern auch in fast allen Teilen des Landes, ob nun auf Anreisewegen oder den Ortschaften an sich. Der Stellenwert des Spiels ist dadurch umso immenser. Höher als im Rest des ehemaligen Jugoslawien. Athen und Istanbul sind da sicherlich diejenigen, die den Stellenwert teilen, wobei dort die großen Spiele ja meist unter Ausschluss der Gästefans stattfinden.

Betrachtet man als neutraler Besucher im Stadion beide Kurven, so wirkt sowohl die Kurve im Norden (Delije), als auch die im Süden (Grobari) als groß, imposant und ein Unterschied zwischen beiden Kontrahenten ist auf den ersten Blick für den ausländischen Betrachter nur schwerlich auszumachen. Nicht wenige Kenner attestieren den Delije, momentan Europas stärkste Kurve zu sein. Durch die unheimlich gute Organisation, eine wahnsinnige Intensität in ihren Gesängen, immer wieder verrückte Choreographie-Ideen und natürlich die krasse Masse innerhalb des Stadions wirkt das für Betrachter wie das Paradebeispiel einer funktionierenden Kurve. Wer nun noch die Feinheiten betrachtet, der wird sich gar noch begeisterter äußern, denn seit einigen Jahren verstärken sich die Einflüsse aus dem „Crazy North“-Stil der 80er Jahre. Kurvenspektakel mit Pyrotechnik, große Schwenkfahnen, Retrostil bei Choreographien. Das wirkt einfach klar und sehr authentisch.

Schaut man als Unbedarfter auf das Gegenüber, könnte man annehmen, die Schwarz-Weißen stehen im Schatten ihres ewigen Rivalen. „Kreative Anarchie“ nennen die Grobari ihren Stil. Und was immer sie damit ausdrücken wollen: Am heutigen Derbytag ist es ihnen gelungen diesen Stil, der sich – wie sie selbst sagen – mit Worten nicht erklären lässt und den man nur fühlen kann, wenn man zu ihnen gehört, in der Kurve zu repräsentieren. Doch dazu später mehr.

„Hals – Hand – Schals – das waren die Grobari – aber wer seid ihr?“ fragte die Delije während eines Derbys vor 3-4 Jahren via Spruchband. Es sollte eine Anspielung auf die Wandlung einer Gruppe sein, die einst als Phänomen galt. Noch in den 1980er Jahren zählten die Grobari zu der sicherlich faszinierendsten Gruppe des ehemaligen Jugoslawien. Beeinflusst vom englischen Fanwesen, Punk, der Skinhead-Kultur, Alkohol, Randale, englische Lieder (u.a. auf die Melodien von Cock Sparrer, Rule Britannia) und natürlich bedingungslose Treue zum Verein. So manch einer inklusive des Gegenübers meint, dass davon nicht mehr viel übrig sei und die Süd nur noch wirkt wie eine schlechte Kopie der Nord, nur mit wenigen verbliebenen eigenen Einflüssen. Sogar ein tausendfacher Spottgesang ertönt oftmals aus der Nord dese Thematik betreffend: „Du bist nur eine schlechte Kopie unserer Nord, du Grobari-Schwuchtel.“ („Ti si samo losa kopija, naseg severa…“)

Aber ob dem wirklich so ist? Sicherlich ist überall ein Fünkchen Wahrheit dran. Mal mehr, mal weniger. Fakt ist, dass die Grobari seit jeher jedwede Art von Kurvenorganisation verachten. Keine ausgefeilten Choreographien, keine Lautsprecheranlage, keine Mikrophone in den Kurven. Als britischen Stil würden wir es bezeichnen, während die Grobari ihn selbst als serbischen Weg betiteln. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer, so meinen zumindest die „Kritiker“ des Gegenübers, denn der einst propagierte Weg ist in den vergangenen Jahren verlassen worden. Worüber sich früher lustig gemacht wurde (Choreos, Mikrophonanlagen), wurde nun in gewissen Maßen adaptiert, vielleicht auch weil in der heutigen Zeit doch zu viele fremde Einflüsse auf eine Kurve einprasseln und die Führung einer Kurve nicht mehr anders funktioniert.

Und „zu guter Letzt“ ist da noch die sagenumwobene Spaltung innerhalb der Süd. So ziemlich jeder dürfte von der Trennung der Zabranjeni („Die Verbotenen“) mitbekommen haben. Auch hier ist es von außen sehr schwer, die Sache zu beschreiben. In meinen Augen ist es zu einfach, die eine Seite als „die Guten“ hinzustellen, während die anderen „die Bösewichte“ darstellen. Ein Urteil möchte ich mir an dieser Stelle auch nicht erlauben. Es ist aber ebenso eine Tatsache, dass viele Personen der Grobari sich gar nicht oder sogar unbewusst positionieren. Viele Leute haben Bekannte und Freunde auf beiden Seiten. Manch einer geht bei Heimspielen gar auf eine der Geraden, andere bleiben den Spielen sogar fern und andere wiederum interessiert der Konflikt überhaupt nicht. Ja, es gibt sogar Stimmen, die behaupten, dass derartige Zwistigkeiten sogar die Grobari ausmachen und zu ihrer Geschichte gehören. Bereits um die Jahrtausendwende hatte es mit der „Juzni Front“ eine Abspaltung gegeben, die irgendwann aber wieder beigelegt wurde.

Um nochmal kurz auf Style und Mentalität zurückzukommen: Interessant zum Abschluss ist sicher die Tatsache, dass es bei den Grobari eine Band namens „Grupa JNA“ gibt, die Punkcover der Kurvenlieder spielt und damit den alten, ureigenen Stil der Kurve forciert. Die Zabranjeni fahren diesen Stil sogar noch extremer und greifen bewusst auf Liedgut aus den 1990ern zurück, um die Tradition der Kurve zu unterstreichen.

Der Tag des ewigen Derbys

Für die Delije sogar mehr als das, denn am gestrigen Abend fand zudem noch das Basketballspiel im internationalen Wettbewerb gegen keinen geringeren als Panathinaikos statt. Warum das so brisant ist? Weil Roter Stern mit dem Erzfeind von PAO, Olympiakos Piräus, im Bunde steht. Demzufolge waren unzählige Griechen bereits unter der Woche angereist und kamen so in den Genuss zweier Highlights binnen eines Tages. Selbstverständlich waren auch viele Freunde aus Russland (Spartak Moskau) anwesend, während bei Partizan ebenfalls Freunde aus der russischen Hauptstadt (CSKA) und Griechenland (PAOK) empfangen wurden. Ansonsten war am Spieltag im Stadionumfeld nichts Außergewöhnliches festzustellen. Anders als in Deutschland findet hier kein Karneval statt und die abendliche Party mit Suff und Grölerei wird nicht auf den Spielbesuch ausgedehnt. Überall junge und sportliche Leute, ein krasser Affront gerade zum heimischen Deutschland.

Etwas überraschend auch die heutige Zuschauerzahl, denn sportlich stehen sowohl Roter Stern als auch Partizan aktuell sehr unbefriedigend da. Bei Roter Stern wurde in den vergangenen Wochen gar den Spielern gedroht, hatten diese doch über die Medien verlauten lassen, dass aktuell das Gehalt pünktlich käme und sich jeder sogar sein Shampoo selber kaufen müsse. Es dauerte nicht lange, da folgte des Nachts ein Besuch von Unbekannten auf dem Trainingszentrum und kurz darauf fanden sich durch Scheiben geworfene Hygieneartikel in den Spielerautos wieder. Schwer zu übertragen auf Deutschland, denn Kenner behaupten schon lange, dass der Sport in Serbien verloren sei. Dubiose Machenschaften, wohin man schaut. Vereinsmitgliedschaften wie bei uns sind hier gänzlich unbekannt. Und so ist ein stetes Kommen und Gehen diverser Persönlichkeiten zu beobachten, von denen so mancher sich sogar schon angeschickt hat, „den Klub in die Pleite zu wirtschaften, um dann dass Stadiongelände billig aufzukaufen“. So ganz nebenbei tickern dann Nachrichten über den Äther wie kürzlich, als der von Partizan nach Piräus verkaufte Spieler Scepovic gar nicht für die ursprünglich vermeldeten 3,6 Millionen Euro, sondern doch nur für lediglich 600.000 Euro gewechselt sei. Wohin in der Zwischenzeit die Differenz geflossen ist, überlasse ich der Phantasie der werten Leserschaft… Da verwundern folglich die immer wiederkehrenden Aussagen von Freunden aus Serbien nicht, die ohne mit der Wimper zu zucken sinngemäß bekennen: „Wegen des Fußballs ist heute keiner hier, we don‘t care, let‘s focus on the action on the stands“.

Machen wir das und schauen auf die, wie gerade beschrieben, mit 40.000 Zuschauern überraschend gut gefüllten Ränge des Marakana. Erwartungsgemäß proppenvoll präsentiert sich die Nord (Sever) der Delije. Gut 12.000 Personen tummeln sich hier und ein erster Orkan tönt weit vorm Anpfiff durch die Runde. Doch bis kurz vor Spielbeginn bleibt es relativ still, lediglich die Attacke im Gästeblock wird mit höhnischem Lachen und entsprechenden Schlachtrufen quittiert. Die Zabranjeni, die heute mit etwa 1.600 Personen den eigentlichen Gästeblock füllten, wurden von einer Gruppe aus der Süd mit einem versuchten Sturm und fliegenden Fackeln begrüßt. Diese flogen ihrerseits natürlich auf schnellstem Wege wieder zurück und ein minutenlanges Hin und Her war die Antwort. Die Ordnungshüter verfolgten auch eher gemächlich das Treiben und griffen sehr spät halbherzig ein, bildeten eine Kette und verbreiterten den Pufferblock zwischen beiden Partizan-Blöcken.

Kurz darauf folgte auch schon der Einlauf beider Mannschaften und die Nord präsentierte ihre heutige Aktion. Als Hauptspruchband hing an zentraler Stelle am Zaun: „Wahre Werte stehen nicht zum Verkauf“, ehe oberhalb und damit innerhalb der Kurve nun ein Spruchband auf das nächste folgte. Jedes Transparent für sich war auf die Hauptbotschaft bezogen und stets ein Textbeginn oder Teil eines Kurvenliedes. Die einzelnen Botschaften sind nur sehr schwer vom Serbischen in die deutsche Sprache zu übersetzen und verlieren dadurch etwas an Kraft und Stärke. Ich habe es trotzdem versucht:

Und wenn sie mir Millionen, Billionen bieten würden
Meine Jahre vergehen
Ein Zigeuner* war auch mein Alter
Seit meiner Geburt
Es war 5.05 Uhr als ich auf die Welt kam. Ein neuer Delija wurde geboren
Bis zum Tod sind wir mit dir, wir werden dich nicht verraten
Schon früh als Kind habe ich den Weg gefunden
Du weißt genau, dass ich immer da sein werde

* Zigeuner (Cigani) ist eine Bezeichnung für die Roter-Stern-Anhänger, den sie auch selbst für sich benutzen

Zehntausend Fähnchen in den Vereinsfarben, brennende Bengalen und in die Höhe schießende Silvesterraketen boten ein ansehnliches Bild und zeigten genau den Weg, den die Kurve gerade geht. Als das Spektakel beendet war, erhob sich auch der Gästeblock. Ebensolche Fähnchen, allerdings in den eigenen Farben, schwarz-weiß-grau, angeführt von gleichfarbigen großen Schwenkfahnen und dem Spruchband „Und selbst wenn ich irgendwann zu Rauch und Staub werde, meine Herzen werden immer mit ihm sein“. Unzählige lautstarke Böller und vereinzelte Bengalen durften ebenso wenig fehlen. Die Zabranjeni nutzten die Möglichkeit und ließen ihrerseits den vor knapp zwei Jahren getöteten Ivan Perovic hochleben. Ein Konterfei samt Spruchband „Grobi lebt“, bildete den Anfang, ehe daraufhin auch noch Spruchbänder für ein vor wenigen Tagen getötetes Mitglied der Abspaltungsgruppe folgten. „Wo du aufgehört hast, machen wir weiter; Du lebst in uns weiter; sie können dich nicht töten“ prangte auf großen Lettern im kleinen Block der Zabranjeni.

Zu Recht prangern sie einmal mehr den sinnlosen Tod eines Fußballfans an. Kritische Stimmen innerhalb der Szenen meinen, dass die Serben sehr wohl fair zur Sache gehen können, doch eines können sie nicht: Verlieren. Und derartige Racheakte gehen dann meist blutig oder im schlimmsten Fall gar tödlich aus. Tatsache ist aber auch, dass selbst die Zbr. vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Erst beim letzten Derby hatte es mit die Delije ein Aufeinandertreffen gegeben, in dem von beiden Seiten etliche Hilfsmittel benutzt wurden, wobei es hier schon wesentlich „zivilisierter“ zuging, als es wohl früher der Fall gewesen wäre. Trotz allem sind sie und auch viele andere serbischen Gruppen sehr um eine Veränderung innerhalb der Szene bemüht. Einen ersten Versuch hat es im Februar 2013 gegeben, als ein gemeinsamer szeneübergreifender Marsch von den Zabranjeni initiiert und von vielen anderen serbischen Gruppen sogar angenommen wurde. Die Botschaft hinter der Demo lautete u.a. ohne Waffen und stattdessen fair in den Kampf zu ziehen. Quasi ein besseres „Miteinander-Gegeneinander“. Doch solch tiefgreifende Veränderungen gehen nicht von Heute auf Morgen vonstatten und schon gar nicht in einem Land wie Serbien, das im Vergleich zu anderen Ländern eine ganz andere und eigene Bewältigung der Vergangenheit mitsamt aller einhergehender Probleme zu bewältigen hat. Als großes Vorbild gilt hier die Hooligan-Szene des russischen Bruders, wo der faire Kampf oberstes Gebot und Credo zugleich darstellt.

In Sachen Akustik lagen die Vorteile klar auf Seiten der Gastgeber. Auch weil der gesamte Stil, allen voran die Melodien, sehr eingängig sind und oft lange gehalten werden. Kritiker meinen zwar auch, dass es schon bessere Auftritte gab und bei so manchem Spiel „mehr ging“, aber das sind wohl höchstens minimale Nuancen, praktisch das Haar in der Suppe. Demgegenüber standen die Grobari, die aufgrund der Spaltung immer noch schwer paralysiert wirkten. So sehr die führenden Gruppen wie Alcatraz, Shadows und Headhunters sich bemühten, so deutlich wurde auch, dass eben ohne ernsthafte Koordination und ohne klug positionierte Vorsänger nicht das Optimum aus der Kurve geholt werden konnte. Apropos Headhunters: Selbige hatten in den Stunden vorm Spiel ein Aufeinandertreffen mit Delije zu erleiden. Perfekt geplant und ausgetüftelt bewies die Nord auch in solchen Momenten ihre Stärke und passte die Headhunters auf ihrem Weg von Obrenovac in die Hauptstadt im Belgrader Vorort Umka ab. Über das Stärkenverhältnis gibt es wie immer verschiedene Angaben, Fakt ist jedoch, die Zaunfahne und eine große und sehr bekannte Schwenkfahne waren daraufhin in der Hand des Feindes, was für die Grobari natürlich eine klare Niederlage bedeutet, auch weil die Headhunters zu einer der stärksten Gruppen in der Süd gehören.

Es sah also alles nach einem verlorenen Tag für die Schwarz-Weißen aus, bis es dann plötzlich zur 47. Minute eine grandiose Pyroshow mit bestimmt über 80 bengalischen Fackeln zu bestaunen gab. Doch der Rauch hatte sich noch gar nicht richtig verzogen, da flackerte in der Süd das erste „richtige“ Feuer auf. Etliche der zu Beginn des Spiels eingesetzten Fähnchen wurden eiligst auf einen Haufen geworfen und kurzerhand angebrannt. Als die Flamme 1-2 Meter hoch loderte, schloss sich der Rest des Blockes der Initiative an, sammelte alles an brennbaren Materialien und nun flackerten im dunklen Rund munter 6-7 weitere Flammen fröhlich vor sich hin. Anfangs noch belächelt, wuchsen die Flammen von Minute zu Minute an, mehr und mehr Blicke richteten sich auf die Gäste und sogar das Spiel wurde nun unterbrochen, was in Serbien normalerweise so schnell nicht geschieht. Die Grobari genossen sichtlich die ihnen nun zuteil gewordene Aufmerksamkeit. Da war er wieder, ihr alter Stil. Feuer legen und dann im November oberkörperfrei sich den druckvollen Feuerwehrschläuchen entgegenstellen. Selten traf das Wort Psychopathen besser zu. Doch richtig perfekt machte dieses Gesamtbild erst das in der Phase gesungene Lied der Süd, das nun über zehn Minuten wie ein Orkan im Marakana aufbrandete. Ein Lied mit eigener Geschichte: „Volle Tribünen mit verrückten Fans“, so lautet ein Kurvenhit der Delije. Es erzählt von der Ausstrahlung und Kraft einer gesamten Kurve. Die Grobari parodierten einst dieses so legendäre Lied, indem sie es auf sich bezogen und sich damit selbst und ihren Stil charakterisierten: „Tribünen voller hässlicher Fans, wir haben keine Fackeln, stattdessen brennen bei uns nur Wunderkerzen, unsere Trommeln sind kaputt und unsere Lieder sind so furchtbar schlecht. Das sind wir, der Abschaum von der Südtribüne.“ Die Masse tobte. Tausende Fans im minutenlangen Auf und Ab. Hüpfen, Singen, Pogen, wie die Kaputten gestikulierend, Böller, Feuer, nackte Oberkörper. Verschmitzt lächelnd musste ich kurz an unsere klinisch sterilen, sauberen Stadien denken, inklusive der späteren Kommentare in Medien und beim Gutmenschenvolk. Fußball, Alter!

Irgendwann, die Brände waren nicht von der Feuerwehr gelöscht sondern einfach gemächlich ausgelodert, wurde das Spiel fortgesetzt, doch der Zenit war überschritten. Etwas überraschend konnte Roter Stern die Partie mit 1-0 für sich entscheiden, der Jubel der Spieler kannte keine Grenzen und auch die Nord und alle anderen Fans dürften Genugtuung verspürt haben.

Den vermeintlichen Abschluss im Stadion setzten dann die Delije. Ein wie immer perfekt inszeniertes Frage- und Antwort-Spiel lässt nochmals die Wände wackeln. „Groooobaaari – hört ihr uns? – Groooobaaaari, ihr seid die größten Schwuchteln“, so tönt es aus mehr als 10.000 slawischen Kehlen. Hier trifft das inflationär genutzte Wort „brachial“ wirklich noch zu. Doch auf Seiten der Gäste reagiert weder Frust, noch Gleichgültigkeit. Vielmehr rottet sich, nachdem ein Teil der Fans bereits den Rückzug angetreten hat, im unteren Teil des Blockes ein Haufen von 4.000 Leuten zusammen und besingt nun seine Liebe zum Verein. „Und auch wenn du nicht Erster sein solltest, und auch dann, wenn man Pfiffe hört, auch dann sollst du, Partizan, wissen, dass ich dich liebe... „ Die Spieler, die kurz zuvor mit hängenden Köpfen angetrabt und bereits wieder auf dem Weg in die Kabinen waren, geben sich einen Ruck und laufen erneut zur Kurve. Satte zehn Minuten schicken sich Mannschaft und Fans nun die Lieder hinterher. Mal ein Frage-Antwort-Spiel, dann hängen sich die Spieler ein und stimmen einen Gesang an und am Ende, als es kurz still wird und die Zabranjeni einfach weitersingen, schaut die Süd kurz rüber und stimmt kurzerhand mit den Leuten ein, die man vor 120 Minuten noch mit Bengalen beworfen hatte. Verrückt? Balkan!

Mit diesen Szenen und dem Kopf voller eindrucksvoller Bilder verabschiede ich mich aus dem Marakana. In mir die Gewissheit, ein ganz besonderes Derby gesehen zu haben.

P.S.: Der Medientrouble in den Tagen nach dem Derby war gigantisch, aber obligatorisch und eben mit dem üblichen Blabla versehen. Die Strafen des Fußballverbandes lauteten dann wie folgt: Partizan zwei Spiele ohne Zuschauer sowie 10.000 Euro Geldstrafe. Roter Stern muss ein Mal zuhause ohne Zuschauer ran, obendrauf gab‘s 5.000 Euro Geldstrafe. 


 Zwei Spruchband-Erklärungen:

„RUKA RUCI - VI STE TURCI“ links FSS für Fußballverband Serbiens - rechts UCK (in Serbien bezeichnet man sie als albanische Terroristen aus dem Kosovo – im Westen als „Kosovarische Unabhängigkeitsarmee“). Hintergrund: Der serbische Verband versucht unter UEFA-Schirmherrschaft eine Lösung mit dem Kosovarischen Fußballverband zu finden, damit der Kosovo irgendwie an internationalen Begegnungen teilnehmen kann – was sie (der serbische Verband) offiziell negieren. Die Parole ist abgeleitet vom Spruch „Ruka ruci - nismo Turci“, der im Mittelalter entstanden ist - „Hand zur Hand – wir sind keine Türken“, was eine Art nationaler Schwur zum Serben- und zum Christentum und gegen die türkische Okkupation gedacht war.

"Vi ste samo zene u crnom"  - "Ihr seid nur Frauen in Schwarz" bzw. Schwarze Witwen. Ein Wortspiel und nicht ganz einfach zu übersetzen. Ein Spruch mit einiger Doppeldeutigkeit. Einmal bezogen auf die „Schwarzen Frauen“, eine feministische Frauenbewegung in Serbien. Dazu werden als schwarze Witwen auch die Terrorwitwen aus Tschetschenien bezeichnet mit dem Hintergrund, dass Partizan spaßeshalber immer als albanischer/muslimischer /kroatischer Verein bezeichnet wird, weil viele seiner Legenden Kroaten/Moslems/Albaner (Vadilj Vokri – der heutige Präsident des Kosovarischen Verbandes zum Beispiel) waren. Und als Schlusspunkt die Anspielung auf das Derbymotto, dass sich alle in schwarz anziehen sollen, um Macht und Stärke zu beweisen, aber genau an diesem Tag ein Fahnenverlust stattfindet und somit die Parole auf die Aussage: Ihr seid vielmehr "Frauen in Schwarz", als "Männer"... bezogen ist.

 


 

verfasst am 27.11.2013, 05:57

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