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Der Heilige Krieg in KrakauWisla vs. Cracovia (Auszug aus BFU Nr. 32)

187. Aufeinandertreffen im Heiligen Krieg um Krakau, Wisła kontra Cracovia! Die Anhängerschaft von Cracovia, deren Spitzname Pasy ist, was so viel wie „die Gestreiften“ bedeutet, traf sich 12 Uhr auf dem zentralen Marktplatz zwischen Marienkirche und Tuchhalle. Von hier aus gab es einen von der Polizei begleiteten Marsch zum eigenen Stadion, das nur wenige hundert Meter vom heutigen Spielort entfernt liegt. Bestückt mit rot-weiß-gestreiften Fahnen und diversen bengalischen Fackeln zog die Masse über die Blonia-Wiese weiter zum Gästebereich an der Reymonta 22.

Mit Beginn der ersten Halbzeit war der Gästeblock aufgrund der nur langsamen voranschreitenden Kontrollen unvollständig gefüllt. Auf Heimseite wurde eine Wendechoreo präsentiert, die im ersten Bild einen weißen Stern mit den Buchstaben PDW darstellte, das Kürzel steht für „Pozdrowienia do Wiezienia“, was übersetzt bedeutet „Grüße in den Knast“, gefolgt von gewendeten Zetteln, die ebenfalls wieder den Stern zeigten und die Abkürzung WSH für „Wisła Sharks Hooligans“. Ein eindeutiges Zeichen der Loyalität gegenüber denen, die nicht nur mit Fäusten für die Ehre und den Stolz ihres Vereins einstehen.

Zu erwähnen sei auch noch, dass sowohl die Heimkurve als auch der Gästebereich zu mehr als 90 Prozent in schwarz im Block standen. Mittels weißer T-Shirts bildete die Heimseite über die gesamten 90 Minuten die Buchstaben „AJ“ im mittleren Bereich ihrer Tribüne, was die Abneigung zum Todfeind noch einmal untermauerte. Sie stehen für Anty Jude(-Gang), denn Cracovia wird von Wisla meist als jüdischer Verein bezeichnet, was jedoch nur wenig mit der Geschichte des Vereins gemein hat. Cracovia war zu Gründerzeiten ein Verein aus der akademischen Schicht und vielleicht auch deswegen schon damals sehr demokratisch organisiert, wodurch der Verein ohne Barrieren für Menschen aller Herkunft offen war. Einzig die sportlichen Leistungen spielten bei der Aufnahme eine Rolle. Die rot-weißen Streifen sollten die Zugehörigkeit zum polnischen Vaterland untermauern und zeitgleich drängten die Verantwortlichen auf die Gründung eines Polnischen Fußballverbandes hin. Trotzdem blieb der Verein weiterhin offen für alle Nationalitäten und in den eigenen Reihen spielten Engländer, Österreicher, Ungarn und auch Juden. Ohne das es irgendjemanden störte. Damit war Cracovia einer der Pioniere in der hiesigen Landschaft und vielen anderen Verein um Jahrzehnte voraus. Die späteren Verwirrungen und Änderungen, die auch einher gingen mit dem 2. Weltkrieg wären hier der Aufzählung zu viel, doch bis heute hat sich die Mär vom „Judenclub“ gehalten. Diesen Ruf haben die Hooligans der Gestreiften gern angenommen und Cracovias bekannteste Hooligangruppe heißt heute treffenderweise „Jude Gang“. Selbst die Gegenseite untermauert dies und so konnte man vor einiger Zeit auf der offiziellen Website des Stadtrivalen Wisla eine Auswahl bekannter Gesänge nachlesen, bei der auch das Fragment „es fürchten sich vor uns die jüdischen Hunde“ nicht fehlen durfte.

Apropos Hunde. So betitelt Cracovia die Gegenseite. Hund ist in Polen die umgangssprachliche Bezeichnung für die Polizei, ähnlich den Bullen in Deutschland. Wisla, nach dem 2. Weltkrieg vom „Ministerium für innere Sicherheit“ unbenannt und folglich unter deren Schildern spielend, wird auch heute noch als Polizeiverein bezeichnet oder eben einfach nur als Hunde. Passend dazu die Namen zahlreicher Hooligan-Gruppen von Cracovia, angefangen von Dog Hunters über Lowcy Psow („Hundefänger“). Erwähnenswert an dieser Stelle vielleicht noch eine ganz besondere Gruppe, deren Name „Anty Wisla“ bereits für sich spricht und deren Mitglieder ihr einziges und alleiniges Ziel darin sehen, den verhassten Feind auszulöschen.

In Mitte der ersten Hälfte präsentierte die „Mloda Armia Bialej Gwiazdy“, die junge Armee des weißen Sterns, eine kleine Blockfahne mit zwei Haien und der Aufschrift "JAKI OJCIEC - TAKI SYN" übersetzt "Wie der Vater – so der Sohn". Die Gäste blieben in der ersten Hälfte zumeist still, was wohl darauf zurück zu führen ist, dass viele noch nicht im Block waren. Die Einlassprozedur war typischerweise sehr akribisch und von den 2.000 wurden jeweils nur zehn Personen zur Kontrolle vorgelassen, von denen sich wiederum einige genaueren Personalienfeststellungen unterziehen mussten.

Wie üblich wurden über das Spiel verteilt viele beidseitige Nadelstiche verteilt. So machte sich Wisla beispielsweise über einen bekannten Slogan des Rivalen lustig: „Gott vergibt – Cracovia nie: Außer du bist ein Überläufer“. Die Hintergründe sind nicht in wenigen Sätzen zu erklären und eine spezielle Thematik für sich. Vor allem in Krakow, wo sich das Fanleben zwangsläufig nicht mehr nur in und um das Stadion abspielt, sondern ganze Viertel oder Straßenzüge für einen Verein geradestehen und derjenige, der im falschen Viertel wohnt und dort aktiver Anhänger vom falschen Verein ist, irgendwann nicht mehr die besten Karten hat… Den Rest überlassen wir der Fantasie der Leser. Im Gästeblock konterte man mit einer Zaunfahne, die sich über die patriotischen Aktivitäten der Wisla-Szene lustig machte, eben bezugnehmend auf die historische Vergangenheit des Vereins. Lautstark wurde dazu ein Lied mit folgendem Text intoniert: „Sie waren Verräter und jetzt fühlen sie sich als Patrioten. Doch wir wissen, die Wahrheit ist eine andere. Wisla, diese Hure, gehört zur Miliz“.

Überhaupt ist man bei Derbys was die Etikette bei den Gesängen angeht nicht sonderlich zimperlich. Damit sind nicht die auch für Deutschland typischen Schimpfwörter wie Hurensöhne etc. gemeint, sondern es wird oftmals auch tief in Wunden gestochert und ethische oder moralische Grenzen überschritten. Ein Beispiel hierfür ist der Tod von „Czlowiek“, einem Hooligan von Cracovia aus Kreisen der „Jude Gang“ bzw. „Anty Wisla“, der im Alter von 31 Jahren nach einer Hetzjagd über mehrere hundert Meter von seinen Feinden kaltblütig ermordet wurde. Angelehnt an ein bekanntes Kurvenlied „So feiern die Leute hier, wenn Wisla spielt“, ertönt ein „So feiert Czlowiek, wenn eure Hure spielt; ach Czlowiek feiert ja gar nicht, er liegt allein im Grab“. Das ganze natürlich nicht nur von einem 200er Kinderhaufen, sondern teilweise intoniert von 5.000 bis 7.000 Leuten. Auch Lieder mit sehr fragwürdigen Texten, wie „Erst es waren es nur 6, doch dann ganz schnell 12. So wurde ein Schwulen-Klub gegründet; der Verein wächst und entwickelt sich prächtig, denn jeder Jude ist ein Schwuler; es singen die Städte und auch die Dörfer: Die größte Hure ist der Judenclub. Und gleich dahinter, kommt Arka Gdynia, dass sind nicht nur Huren, sondern auch Schweine.“ Polnische Folklore aus einer teilweise auch schon nicht mehr existenten Zeit.

Die zweite Hälfte wurde dann mit einer weiteren Aktion der Heimkurve eingeläutet. Ein Spruchband mit der Aufschrift „PRZEMYSL SWOJE GRZECHY“ sowie einer Blockfahne auf schwarzem Grund in Graustufen. „Denke immer an ihre Sünden“ gibt die Bedeutung des Spruches ungefähr wieder. Gegen Ende dieser Aktion wurden ungeordnet links und rechts der Fahne noch bengalische Fackeln gezündet und komplett auf das Spielfeld geworfen. Der Angriff von Cracovia beziehungsweise das Spielgeschehen wurde erst unterbrochen, nachdem der Torhüter von Wisła den Ball sicher gefangen hatte. Begleitet wurde diese Pyroeinlage von nicht wenigen Pfiffen der anderen Tribünen.

Der Gästebereich hatte sich jetzt zudem auch merklich gefüllt und so wurden die Zaunfahnen der umkämpften Stadtteile Azory, Kurdwanow und Nowa Huta an der Plexiglaswand angebracht. Auch akustisch waren die Gäste nun präsent, wenn auch etwas unkoordiniert, aber das „Tylko Pasy, Tylko Cracovia“ blieb u.a. positiv in Erinnerung. Auch der weiße Stern brachte über beide Halbzeiten eine gute Stimmung ins Stadion, gut und nicht mehr.  Das 187. Aufeinandertreffen endete mit 3:1 für die Gastgeber, deren Stadionsprecher es sich nicht nehmen ließ, nach Abpfiff „Time to say goodbye“ durch die Lautsprecher zu jagen, was das Publikum zu einem monumentalen Winken Richtung Gästeblock animierte.

Was sich noch im weiteren Verlauf des Abends in den Stadtteilen und Vierteln abspielte, blieb im Verborgenen. Krakow – selbst für polnische Verhältnisse eine „kranke Stadt“, wo Messer und Waffen quasi erlaubt sind – ist bekanntlich nicht von diesem Tag des Derbys abhängig. Streifzüge (beliebt ist es bspw. mit einem abgedunkelten Neuner in ein feindliches Gebiet einzudringen, bei einer Ansammlung von jungen Menschen eine Vollbremsung hinzulegen und dann die Kräfte walten zu lassen), große und kleine Überfälle gehören hier zum Alltag. Ein Alltag mit eigenen Regeln und Wertvorstellungen.

Nachtrag: Neben einer Geldstrafe musste Wisla Krakow die folgenden zwei Heimspiele vor leeren Rängen bzw. vor einem leeren Fanblock austragen. Das erste Spiel nutzten etliche Wisla-Anhänger, um das Spiel in ihrer Stadionnahen Kneipe zu verfolgen. Ebenso wurde zahlreiche Raketen und andere Feuerwerkskörper von draußen in Richtung Spielfeld geschossen. Die Polizei nutzte das für einen Großeinsatz und nahm die Personalien von über 400 Personen auf, die nun alle mehrjährige Stadionverbote erhalten.

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