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Ich bin Ultrà und schaue die WM

Nach Feierabend werden Rosterstand und Bier rausgeholt, die Glotze angemacht und über Fußball, Taktik, Land und Leute diskutiert. Das war ne coole WM.

Wer jetzt denkt, die Ironie endet irgendwann, den muss ich leider enttäuschen. Aber nicht, weil das hier ein flapsiger Satire-Text ist, sondern weil ich es schlicht weg ernst meine. Ich fand die WM geil! Ich finde jede WM geil. Ach was, ich geh noch nen Schritt weiter, und jetzt fallen euch sicher sämtliche Buttons von euren Flex-Caps, ich finde sogar jede EM geil. Länderspiele habe ich verschlungen. Zu Zeiten, als man unter schnellem Umschaltspiel bei Erich Ribbeck noch das planlose Schlagen langer Bälle von Marco Rehmer auf Martin Max verstand. Das liegt schlicht weg daran, dass ich Fußball geil finde. Damit meine ich nicht nur das Drumherum an Stimmung, sondern den Sport an sich.  Nominierungen, Aufstellungen, Taktik, Verschieben, Tore, Schirientscheidungen und und und.

Heute interessiere ich mich natürlich mehr für das Drumherum. Gesellschaft und Politik als großen Kosmos, Ultras und Fans als kleinen.  Aber als ich meine ersten Berührungen mit dem Ball hatte, die ersten Spiele am Sportplatz und im Stadion verfolgte, da zählte für mich nur das runde Ding. Ich hatte eine völlig freie Sicht auf das, was mich so fasziniert. Nach der Schule gings schnell heim, aber nicht um das neue FIFA XY am PC zu zocken, sondern um den Schulranzen in die Ecke zu krachen und bis zum Einbruch der Dunkelheit Fußball auf unserem Platz, den wir uns selber gebaut hatten, zu spielen.

Ich habe die EM 1992 geschaut und mich danach im Verein angemeldet. Seither schaue ich jedes Turnier. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Mein Vater war für Deutschland, also war ich das auch. Wieso auch nicht? Genauso, wie er mich das erste Mal mit ins Stadion nahm. Der Sport hat mich in seinen Bann gezogen, ohne geht bis heute nicht. Fragt mich nach dem sensationellen Sturmduo von Wattenscheid in der Saison 93/94, ich sag es euch. Die Ergebnisse der EM Endrunde 1996? Kein Problem! Ich verpasste keine Ausgabe der Bravo Sport und sammelte fleißig Aufkleber fürs Panini-Album, oder die Cola-Dosen mit den Emblemen aller Bundesligisten. Was ich damit sagen will, Fußball war bereits vor dem Kontakt mit der Kurve der wichtigste Part in meinem Leben und hatte mein Herz erobert.

Erst um die Jahrtausendwende kam dann Ultrà hinzu, noch später ein geisteswissenschaftliches Studium und natürlich das Interesse für Politik und gesellschaftliche Prozesse weltweit. Ich hasse die CDU, missachte die FDP. Im Parteienspektrum ordne ich mich also links der Mitte ein. Ich hasse Kontrolle, sehe den Kapitalismus und die konsumierende Masse kritisch. „Ausländer“ sollten überall Zuflucht finden und willkommen geheißen werden. Fazit: Ich bin ein systemkritischer, aufmüpfiger Ultrà, der sich dem politischen Spektrum links der Mitte zuordnet. Das wissen auch meine Freunde, von denen einige etwas verwundert reagieren, dass ich mich als „systemkritischer Ultrà“ so für die WM interessiere. Ich höre die immer gleichen Phrasen. Ist das Leben als Ultrà unvereinbar mit dem Schauen der WM?

„Ja genau, ich interessiere mich auch schon immer sehr für die Bildungssituation in Brasilien!“

„Scheiss Fifa Korruption!“,  „Schau dir mal an, wie es den Menschen in Brasilien geht!“, „Die sollen das Geld lieber in die Bildung stecken!“. Das sind so die gängigen Sprüche. Alles richtig. Nur: Es ist vom Großteil der Leute schlicht weg Nachgeplapper. Viele der ach so toleranten und politisch aufgeklärten Menschen würden sich ohne die mediale Öffentlichkeit der WM doch gar nicht für Brasilien interessieren. Kaum einer würde von der dortigen Bildungssituation Notiz nehmen. Oder andersherum: Wer interessiert sich nächsten Sommer noch für die Situation in Brasilien? Kein Schwein? Nicht viele? Irgendwo dazwischen dürfte die Antwort liegen. Für mich also größtenteils geheuchelte Anteilnahme.

Aber deswegen kann ich mir doch trotzdem Fußballspiele reinziehen, mich über gute Spiele, auch der deutschen Mannschaft, freuen. Wenn es danach geht, dürfte doch die Hälfte der deutschen Ultràgruppen nicht mal mehr zu ihrem eigenen Verein gehen. Vereine als Aktiengesellschaften und GmbHs, wo man hinschaut; dazu Teilnahmen an Turnieren, die von der FIFA (Club WM) oder der UEFA ausgerichtet werden.

Linke Pseudomoralisten

Und die ganzen linken Pseudo-Moralisten, die generell Nationalismus und Patriotismus mit Rechtsextremismus gleichsetzen. Beschäftigt euch mit der Geschichte Osteuropas oder wachst ohne soziale Absicherung im Süden Italiens auf. In Deutschland sind eben viele ein bisschen geschichtsgefickt (zurecht!) und machen den Fehler, ihre Mentalität und ihr Bewusstsein auf andere Nationen und Völker zu übertragen und so beispielsweise gleichmal ein bisschen Position im Israel-Palästina Konflikt zu beziehen, obwohl man gar nicht vor Ort ist. Manches Urteil kann man sich als Außenstehender schlicht weg nicht erlauben.

Hier schön gegen das System wettern, aber dann gleichzeitig mit Mob Action, Carhartt, North Face und was weiß ich nicht alles rumrennen und fett Kohle für „stylische“ Klamotten ausgeben, abgesichert durch ein Sozialsystem, durch Kindergeld, die Eltern, Bafög oder Hartz IV. Das ist beileibe keine Seltenheit. Wachst ihr mal in Kampanien oder Albanien auf, verliert euren Vater im Krieg, geht mit 13 arbeiten und kriegt eben kein Kindergeld, Bafög oder Hartz IV. Dementsprechend suchen die Menschen gerade in solchen Fällen woanders Halt. Und dementsprechend ehrlich und authentisch ist die Freude über den Fußball.

In Deutschland ist das ohne Zweifel anders. Hier geht’s den Leuten gut. Manche schauen WM, weil sie Nazis sind, manche, weil man da mal richtig die Sau rauslassen kann und es unter dem Deckmantel der WM gesellschaftlich akzeptiert scheint. Manche, weils eben jeder tut, manche, weil sie Fußball ganz cool finden und manche, weil für sie dieser Sport das Größte ist.

Klar, mich nerven die ganzen Pseudo-Fans auch an. Das Deutschland-Gehabe. Die Assis, die abends auf den Straßen ihre Humba machen und dann vielleicht ihre Liebe für den Bundesliga-Fußball entdecken. Das ganze Event an sich. Hilfe! Aber viele sind genauso schnell weg, wie sie kamen. Die Doppelmoral der Medien, was Gewalt, Pyro, Feierei und Suff angeht; das ist zwar Scheiße, aber alles nichts Neues und sollte nicht immer wieder aufs Neue hochgekocht werden. Aber der Sport an sich bleibt für mich davon unberührt. Und warum darf ich mich zuhause nicht auch mal für die deutschen Spieler freuen, die guten Fußball gespielt haben? Ich bin nun mal hier geboren. Genauso wie ich für meinen Dorfverein kicke, wo ich aufgewachsen bin, für den Verein fiebere, in deren Stadt ich geboren bin, halte ich eben zu den Spielern aus dem Land, aus dem ich stamme. Auch wenn es im Vergleich zu Guido Buchwald, Thomas Häßler und Stefan Effenberg größtenteils Micky Mäuse sind. Ist das unvereinbar mit meiner politischen Einstellung?

Dass die Politiker hier Scheiße sind, dass die Spießer-Gesellschaft hier nervt und dass man noch nicht mal bisschen randalieren und Bullenwagen abfackeln kann, ja, das ist in der Tat richtig Scheiße. Aber dafür kann der Sport nichts. Dafür können auch die Spieler bei einer WM nichts, die ihr Bestes geben und stolz sind für die Menschen aus Ländern wie Bosnien oder Ghana aufzulaufen.

Im Übrigen macht Patriotismus einen großen Teil meines Ultrà-Daseins aus. Ich gehe weder zum Fußball, weil da in der Kurve grad die zehnte Coverversion von irgend nem 80er Jahre-Hit geträllert wird, weil die Kurve in meinem Verein alternativ und links ist, weil da grad die krassen Subkulturen meiner Stadt so toll zusammenhalten, weil ich da durch nen Kumpel reingeraten bin oder mir irgend ne beschissene Snare den übelsten Beat gibt. Ich gehe dahin, weil es der Verein meiner Stadt ist und der soll gefälligst gewinnen.

Ultrà ist erwachsen?

Ansonsten finde ich, dass Ultrà in Deutschland aktuell ne Zweiklassengesellschaft ist. Ein paar große coole Kurven und alte Gruppen mit eigenem Stil und eben der Rest, der davon redet, wie „erwachsen“ Ultrà doch geworden ist und dass die Bewegung „den Kinderschuhen entwächst“. Davon sieht man dann allerdings nicht viel. „Schlechter Fahneneinsatz“, „von der 30. bis zur 45. war die Stimmung gut“, „immer wieder Pausen“. Hilfe! Ich kann so was nicht mehr lesen. Entweder ne Kurve oder Gruppe hat Ausstrahlung und Stil, oder eben nicht. Das hängt gewiss nicht vom Fahneneinsatz oder der Länge der Pausen zwischen den Gesängen ab. Oder schon mal drüber nach gedacht, dass es vielleicht auch Gruppen gibt, die eben bewusst nicht so auf Schwenkelemente setzen? Deswegen muss das optisch nicht Scheiße sein, ganz im Gegenteil.

Aber so reden doch viele Rasselmus-Gruppen. Und die Namen von so manchen Gruppen, haha. Hauptsache bisschen italienischer Klang und der alte Stadtname am besten noch mit verwurstet. Na, da hätte ich aber auch keinen Bock als 30-jähriger dabei zu sein. Im Ernst und um den Bogen zum Beginn zu spannen: Es fehlt oft, auch in meiner Kurve, am Interesse am Sport an sich. Viele kommen heute eben in die Kurve und zu Ultrà, weil es grad in ist. Die größte Jugendbewegung. Und weil es da eben so viel tolle bunte rosarote subkulturelle Einflüsse aus Subkulturen gibt, die noch gar nicht existieren. Das ist wirklich super spitze. Aber die Bindung zur Stadt, zum Verein und zum runden Leder, die fehlt nicht selten. Und ist das nicht gegeben, dann bleibt Ultrà eben eine Jugendbewegung und kein Lebensstil. Denn irgendwann kommt ne Frau oder ne andere coole Subkultur und die Leute gehen wieder. Schon tausendfach erlebt. Denn die Bindung zum Kern der Sache, die gab es nie. Werte wie Freundschaft, Solidarität, Loyalität, das gehört dazu, ist aber nicht alles, was eine Ultràgruppe auszeichnet. Das sollte jeder normale Freundeskreis oder jede Familie für sich beanspruchen. Das ist nicht das, was uns unterscheidet. Der Ort, wo wir es ausleben und der Grund, warum wir es tun, der ist so anders und heißt Fußball! - winni stuhlmann (rk´97)

 

verfasst am 30.09.2014, 01:47

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