ALLES ÜBER ULTRAS: MAGAZINE, BÜCHER, SONDERAUSGABEN

Neues

Zur aktuellen Situation in Polen (Juli 2016)

Hat man als außenstehender Betrachter schon Probleme das polnische Freund- und Feindschaftsgeflecht zu durchblicken, so rollte in den vergangenen Tagen noch eine wahre Lawine auf den Interessierten zu, denn beinahe täglich wurden neue Verbindungen bekannt und langjährige Freundschaften gekappt. Bereits seit einigen Wochen war das neue Bündnis (auf polnisch uklad) zwischen Wisla Krakow und Ruch Chorzow in aller Munde und es stellte sich jedem die Frage, wie die zwei Freunde von Slask Wroclaw und Lechia Gdansk darauf reagieren würden, gilt das Dreiergespann ("Die drei Könige aus den großen Städten") in Polen doch als Hausnummer. Insidern war klar, dass Lechia Gdansk keine Beziehung ihrer Freunde zu einem ihrer ärgsten Rivalen (Ruch) dulden würde. Bei Slask in Wroclaw hat man dagegen kein Problen mit Ruch Chorzow, zwar herrscht zwischen beiden kein offizieller Waffenstillstand, jedoch respektieren sich beide Seiten schon seit vielen vielen Jahren. So war es einst Ruch, die in einem Katowicer Krankenhaus liegende Slask-Fans versorgten, nachdem diese tw. lebensgefährlich von Gornik Zabrze-Fans mit Molotow Cocktails verletzt wurden. Ebenso ließen sich beide Szenen gegenseitig in die jeweiligen Heimblöcke, falls mal wieder eine dieser unsäglichen Auswärtssperren vorlag. Allerdings hat Slask ein großes Problem mit Widzew Lodz, denn im Jahr 2003 griffen die Hooligans von Widzew, die sich gerade auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel in Belchatow befindenden Slask-Fans an. Bei dieser Aktion wurde der damals erst 17jährige Roland (Spitzname Rolik) getötet. Es war eine Zeit in der noch mit Waffen hantiert wurde, wenngleich auch nicht in dem hohen Ausmaß wie in den 90ern. Kurz vorher kam es in Wroclaw zu einem der größten Matches in der Geschichte der polnischen Hooligan-Szene. Slask Wroclaw traf auf Arka Gdynia, beide Seiten hatten ihre Freunde dabei (Arka: Cracovia & Lech Poznan), Wisla Krakow und Lechia Gdansk bei Slask. Inmitten des Clashes von gut 500 Leuten starb ein Fan aus Gdynia, ermordet von einem Wisla-Fan. Der schwarze Peter wurde damals Slask zugeschoben und diese galten für einige Zeit nun als Freiwild. "Ihr toleriert Waffen, somit greifen wir euch eben auch mit Waffen an", so die damalige Aussage vieler Szenen. Einige Monate später kam es zu einem überregionalen Treffen in Poznan, wo der "Anti-Waffen-Pakt" und auch ein "Beschluss zur Neutralität bei Länderspielen" beschlossen wurde. Sprich, das bis dahin beliebte Spielchen, die Nationalmannschaft zu nutzen, um sich untereinander zu attackieren wurde beendet. Der Großteil der polnischen Szenen war in Poznan anwesend, wer es nicht war, unterschrieb die Erklärung später. Ausnahmen bildeten hierbei natürlich die beiden Szenen aus Krakow, Wisla und Cracovia, die ihren ganz eigenen Krieg und Weg in ihrer Stadt verfolgen.

Um zum eigentlichen Punkt der Geschichte zurückzukommen: Es war also von Lechia-Seite aus klar, dass eine Freundschaft mit Wisla in der Form nicht mehr möglich ist. Als sich herausstellte, dass Widzew beim Bündnis zwischen Wisla und Ruch nicht außen vor ist, war auch diese Messe gesungen und zugleich solidarisierte sich Slask mit Lechia. Beide beendeten die Freundschaft zu Wisla und die große 3er Achse zerbrach.

Offen bleibt natürlich, wieso Wisla derartiges macht? Vor allem in Deutschland mutmaßen ja viele, dass Freundschaften oftmals als Vorwand für Geschäfte herhalten müssen. Das lässt sich meist aber ausschließen, denn wer Geschäfte machen will, muss keine Freundschaften eingehen. Sicherlich erleichtert eine Freundschaft so manches, aber auch in diesem Beispiel geht es einfach nur um die Vormachtstellung. In Polen dominieren immer noch die Hooligans die Stadien und folglich stehen deren Aktivitäten an oberster Stelle. Keinesfalls sollte man deutsche Verhältnisse auf Polen übertragen und in die eigenen Bewertungen einfließen lassen. Eine schöne Choreo und gute Stimmung sind zwar gern gesehen, werden in Berichten erwähnt und man redet darüber, haben aber in der wahren Welt der polnischen Bewegung keinen besonders hohen Wert. Im hiesigen Falle kontrolliert Ruch zusammen mit Wisla nun ein Gebiet, welches stark umkämpft ist. Oberschlesien und das Krakauer Umland. Besonders die Kämpfe in Oberschlesien sind hart und nicht wenige erwarten hier bald ein zweites Krakau. Als vor knapp einem Monat ein Fan von Stalowa Wola auf der Auswärtsfahrt ums Leben kam, nachdem eine Koalition von Motor Lublin, Chelm und Leczna deren Busse unterwegs angriff und auf der folgende Beerdigung viele Szenen des Landes ihre Anteilnahme aussprachen, trafen dort auch Abordnungen aus Zabrze und Ruch aufeinander. Man munkelt Ruch (inkl. deren Fanclub von Unia Oswiecim (dt. Ausschwitz) habe bereits auf der Hinfahrt die Zabrzer bedrängt, weswegen diese dann (zusammen mit GKS Katowcie) am Abend an der Autobahn nähe Katowice mit 50 Leuten und schweren Geschützen die ankommenden Autos von Ruch (bzw. Unia) attackierten und es zu einem harten Gefecht kam. Folglich kämpfen derzeit vor allem die zwei Bündnisse um Katowice&Zabrze gegen Ruch & (neuerdings) Wisla. Nicht auszuschließen, dass sich noch der ein oder andere einem der Bündnisse anschließt. Ebenso dürfte es nicht das letzte neue Bündnis sein, welches geschlossen oder gar beendet wurde. Erst kürzlich hat Bielsko-Biala die Zusammenarbeit mit Legia beendet, was ebenso zukünftig für einige Veränderungen sorgen könnte.

Im Internet und sogar in den Printmedien wird das Thema Wisla-Slask-Lechia heiß diskutiert. Viele normale Fans können die Entscheidung nicht nachvollziehen und verstehen die Entscheidungen der Führungsleute aus Krakow nicht. Teilweise regt sich sogar Widerstand, der wie so oft die Grenze der virtuellen Welt nicht durchbrechen wird.

Bei diesem ganzen Durcheinander kam dann noch das Länderspiel in Marseille gegen die Ukraine hinzu. Fakt war von vornherein, dass sich der Großteil der Szene nur auf dieses Spiel konzentrieren und den Kick in Paris gegen Deutschland saußen lassen würde. So kam es dann auch. Wenig überraschend allerdings die Tatsache, dass Wisla Krakow zusammen mit Widzew Lodz und Ruch Chorzow (die normalerweise nicht zu Länderspielen gehen, da sie ja für ihre Liebe zu Oberschlesien bekannt sind und diese auch stets propagieren) dort auftauchen. Überraschend hierbei nur, dass der Nichtangriffspakt bei Länderspielen ignoriert und vorm Stadion eine Gruppe anderer polnischer Hools angegriffen wurde. Mutmaßlich sollte es wohl LKS Lodz treffen, welche mit gut 50 Leuten anwesend waren und auch den Corteo durch die Straßen anführten. Diese weilten aber schon im Stadion und so musste sich Slask, die zufällig mit vereinzelten Personen anderer Szenen dort herumstanden, gegen die Übermacht verteidigen. Diese Aktion sorgte in Polen für viel Gesprächsstoff und nicht wenige gehen nun davon aus, dass bald wieder Verhältnisse wie vor dem Pakt herrschen, als vor allem Heimspiele dazu genutzt wurden, um gegen Feinde vorzugehen. Legendär die Zeiten in den 90er Jahren, als die "große Koaltion" (der Großteil der aktiven Szenen des Landes), die bei Länderspielen lieber vereint stehen wollte, gegen die Aufständigen von Arka-Cracovia-Lech kämpfte und es dort zu vielen Auseinandersetzungen kam. Zeitweise tanzten noch andere Szenen aus der Reihe, so dass es vor allem bei Spielen im Nationalstadion oft derbe knallte. Das dürfte in der heutigen Zeit nicht wiederholbar sein, zumindest bei Heimspielen, weshalb es vor allem bei Länderspielen in der Fremde interessant werden könnte.

Fakt ist, die nächsten Wochen und Monate werden definitiv nicht langweilig...

verfasst am 28.02.2017, 03:36

Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer.

Willkommen zurück!

E-Mail-Adresse:

Passwort:

Passwort vergessen?


Zur aktuellen Situation in Polen (Juli 2016)


Ich bin Ultrà und schaue die WM

Geil, jeden Tag Fußball, rund um die Uhr.


Interview ULTRAS EAGLES - Raja Casablanca english version (Blickfang Ultra Nr. 27)


Der Heilige Krieg in Krakau Wisla vs. Cracovia (Auszug aus BFU Nr. 32)


Stadtderby in Belgrad Erschienen in Blickfang Ultra Nr. 30

Stadtderby in Belgrad. Jedem Leser fällt da auf Anhieb bestimmt etwas zu ein. „Boah, geil.“, „Pyyyrooo“, „Hass total“ oder so was wie „Da geht’s richtig ab“ dürften so die ersten Worte sein, die dem Interessierten aus Deutschland beim Gedanken an das